Merrill Lynch
Den Mund zu voll genommen

Monate lang hatte der Boss von Merrill Lynch darauf beharrt, die Investmentbank verfüge über ausreichend Kapital, um den Verkauf von Vermögenswerten oder die Ausgabe neuer Aktien vermeiden zu können. Jetzt ist John Thain doch gezwungen gewesen, beides zu tun. Er hat sich zum Paradebeispiel dafür gemacht, was passiert, wenn man sich in die Ecke drängen lässt.

Da hatte John Thain den Mund wohl etwas zu voll genommen. Monate lang hatte der Chef von Merrill Lynch erklärt, das Wertpapierhaus habe ausreichend Kapital, um künftige Verluste aus seinem enormen Berg an Subprime-Hypothekendarlehen und Collateralised Debt Obligations (CDOs) abzudecken. Es müssten weder Vermögenswerte verkauft noch neue Aktien ausgegeben werden. Jetzt - innerhalb nur weniger Wochen - ist er dazu gezwungen worden, beides zu tun.

Natürlich geht das Fiasko mit den Subprime-Hypothekendarlehen zweitklassiger Bonität von Merrill kaum auf sein Konto - wie er sich anlässlich der Telefonkonferenz zu den Zweitquartalsergebnissen der Firma beeilte zu betonen, als er einen Analysten unwirsch korrigierte, der sich auf die CDOs bezogen hatte, die "ihr Jungs geschaffen habt". Bei CDOs handelt es sich um Wertpapiere, die mit einem Pool von Anleihen, Krediten und anderen Vermögenswerten unterlegt und mit unterschiedlichen Kreditrisiken behaftet sind.

Natürlich hat Thain das Ruder bei Merrill erst übernommen, nachdem die Krise bereits zugeschlagen hatte. Und vielleicht werden die Schritte, die in den letzten Tagen eingeleitet worden sind, das Schiff ja endlich auf den richtigen Kurs bringen. Der Verkauf des Großteils ihrer schwierigen CDOs an Lone Star sollte einen großen Überhang auf die Aktien des Unternehmens beseitigen. Sicher bleibt Merrill immer noch Papieren über fast neun Mrd. Dollar ausgesetzt, aber die bestehen größtenteils aus älteren CDOs, die aus den Jahren vor 2005 datieren und die sich immer noch mehr oder weniger so entwickeln wie erwartet und weitgehend abgesichert sind.

Die übrigen Titel abzuladen, war allerdings äußerst kostspielig. Merrill erwartet in diesem Quartal Abschreibungen vor Steuern über 5,7 Mrd. Dollar, wobei Verluste aus damit verbundenen Absicherungsgeschäften mit Kreditversicherern eingeschlossen sind.

Auch dies ist nicht Thains Schuld. Aber seine zuvor abgegebenen Prognosen über die solide Kapitalposition von Merrill machen ihn zu einem Paradebeispiel für die Gefahr, in die man sich begibt, wenn man sich selbst in eine Ecke drängen lässt. Vor zwei Wochen musste Thain das Handtuch beim Verkauf von Vermögenswerten werfen, was unter anderem bedeutete, dass er den Anteil über zwanzig Prozent von Merrill an Bloomberg LP für 4,4 Mrd. Dollar abstieß.

Jetzt musste er die Bilanz der Firma mit weiteren 8,5 Mrd. Dollar an neuen, eine Verwässerung bewirkenden Aktien stützen. Davon wird fast ein Drittel der Erlöse an Temasek fließen, um den Staatsfonds aus Singapur für Zinsanpassungen zu entschädigen, die ausgehandelt worden waren, als Thain im vergangenen Dezember zum ersten Mal den Hut hatte herumgehen lassen.

Sicher, vielleicht kann er letztendlich Vorteile daraus ziehen, dass er als Erster mit einer solch großen Portion zweifelhafter Vermögenswerte hausieren geht. Sein Kollege bei Lehman Brothers, Dick Fuld, wünscht sich gewiss, er hätte einen ähnlichen Trick auf Lager, zumindest was die schlimmsten seiner giftigen Papiere über 65 Mrd. Dollar angeht. Was die beiden und auch die anderen Chefs bei den Investmentbanken unmittelbar aus den Vorfällen lernen können: Verspreche nichts, was du nicht einlösen - oder auch nur kontrollieren - kannst.

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