Merrill Lynch
Die alten Männer werden immer grantiger

Der Chef von Merrill Lynch hatte sich viele Feinde gemacht, als er nach seinem Aufstieg vor fünf Jahren die Investmentbank umgebaut hat. Seither hat sich Merrill Lynch unterdurchschnittlich entwickelt. Deshalb ist es leicht zu verstehen, warum einige Investoren den Kopf von Stan O’Neal auf einem silbernen Tablett sehen wollen. Aber es gehört mehr dazu als ein verunglücktes Quartal und die Verstimmung von Rentnern, um einen Putsch zu inszenieren.

Eine Reihe ehemaliger Manager der Bank - darunter einige, die beim Aufstieg von O?Neal vor fünf Jahren das Unternehmen fluchtartig verlassen hatten - überlegen, ob sie nicht für seinen Abgang sorgen sollen. Vor zwei Jahren hatten schon einmal Pensionäre einer Investmentbank deren Boss gestürzt: Acht Ex-Manager von Morgan Stanley, die sich selbst die "grantigen alten Männer" nannten, hatten damals Philip Purcell vom Thron gestoßen.

Die Ähnlichkeiten sind vor allem bei der Richtschnur auffallend, die in Wall Street am meisten zählt: bei der Entwicklung des Aktienkurses. Seit O?Neills Amtsübernahme Ende 2002 haben die Aktien von Merrill eine Jahresrendite von rund sieben Prozent vor Dividende abgeworfen, die von Morgan Stanley dagegen elf Prozent und die von Goldman Sachs 24 Prozent. Sogar das in Schwierigkeiten geratene Wertpapierhaus Bear Stearns hat Merrill mit einer Rendite von zwölf Prozent ausgestochen.

Eine ähnlich unterdurchschnittliche Entwicklung hatte Purcell bei Morgan Stanley heimgesucht, bevor die Revolte der pensionierten Topmanager im Frühjahr 2005 so richtig losbrach. In den vorhergehenden fünf Jahren waren die Aktien der Investmentbank um fast ein Drittel gefallen, während andere Wall-Street-Firmen, darunter auch Merrill, den Wert ihrer Aktien erhalten konnten.

Sicher kann man die Leistung von O?Neal auch anders bewerten. Die Bank unterstreicht, dass die Eigenkapitalrendite von 7,5 Prozent im Jahr der Amtsübernahme durch O?Neill auf 21 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen ist. Aber die in dieser Woche veröffentlichten Abschreibungen über acht Mrd. Dollar auf als zweitklassig eingestufte US-Hypothekendarlehen und auf Collateralized Debt Obligations, also auf Wertpapiere, die mit einem Pool von Anleihen, Krediten und anderen Vermögenswerten unterlegt sind, haben die in der Vergangenheit erzielte Rentabilität der Firma eingetrübt. Nach Schätzungen von Goldman könnten weitere Verluste über 4,5 Mrd. Dollar anstehen.

Wie auch immer - in Wall Street, wo die Angestellten einen großen Teil ihres Lohns in Form von Wertpapieren erhalten, kommt es am allermeisten auf den Aktienkurs an. Das hilft dabei, die Mitarbeiter bei der Stange zu halten und zu motivieren, und gilt als Leitwährung beim Anlocken von Talenten. Und weil die pensionierten - und selbst die gefeuerten - Manager beim Abschied ihre Portfolios, die bis zum Rand mit den Aktien ihres Arbeitgebers gefüllt sind, mitnehmen, bleibt ihr Schicksal mit der künftigen Entwicklung der Firma verknüpft - und den Entscheidungen des Managements ausgeliefert.

Als O?Neal übernommen hat, hat er eine Schar von Managern entfernt, die seine Autorität in Frage stellten, und hat anderen die Verantwortung übertragen. Er wurde daraufhin dafür gepriesen, eines der jüngsten Management-Teams der ganzen Wall Street geschaffen zu haben. Aber er hat sich auch viele Feinde unter den Ausgeschiedenen gemacht. Momentan haben sich die ehemaligen Merrill-Manager, die mit O?Neal in Konflikt geraten waren, noch nicht dazu hinreißen lassen, einen Putsch à la Purcell zu versuchen. Aber noch ein Schnitzer wie das dritte Quartal, und die Verstimmung von heute könnte in eine richtig schlechte Laune umschlagen. Der Board von Merrill wäre gut beraten, schon vorher in Aktion zu treten.

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