Merrill Lynch
Fortgesetztes Leiden

Der Verkauf von CDOs durch Merrill könnte auch die Konkurrenten der Investmentbank in Mitleidenschaft ziehen. Der 40prozentige Abschlag auf das ohnehin schon abgeschriebene Portfolio stellt auch deren Bewertungen in Frage. Barclays, Lehman und Konsorten könnten zwar argumentieren, dass durch den Paketverkauf durch Merrill keine relevante Preisvorgabe getroffen worden ist. Aber dieses Argument wird wahrscheinlich nicht lange standhalten. Realistischere Bewertungen dürften folgen.

Indem Merrill Lynch ihre Medizin einnimmt, hat die Bank gezeigt, dass andere an der gleichen schweren Krankheit leiden. Die in Schwierigkeiten steckende Wall Street-Firma verkauft en gros 30 Mrd. Dollar an hypothekenbezogenen Papieren zu einem Abschlag von 40 Prozent auf eine ohnehin schon abgeschriebene Bewertung. Bei einem Preis von 22 cts zum Dollar entsteht mit Gewissheit dahingehend weiterer Druck auf die Konkurrenten, wie diese ihre eigenen verbliebenen Engagements bewerten.

Die meisten Banken haben das ganze Jahr hindurch Abschreibungen auf ihre CDOs, also auf Wertpapiere, die mit einem Pool von Anleihen, Krediten und anderen Vermögenswerten unterlegt sind, und auf andere durch Hypotheken besicherte Wertpapiere vorgenommen. Zudem haben sie, wo immer möglich, Teile davon verkauft. Aber die Bewertungen waren dabei durch die Bank zu hoch - dank undurchsichtiger Transaktionen und einem Widerwillen, sich der Realität zu stellen. Die jüngsten Bewertungen von Merrill waren gerade einmal ein paar Wochen alt.

Die Royal Bank of Scotland (RBS) hatte ihre Engagements zuletzt im April offen gelegt. Damals hatte die Bank ihr Engagement über netto 1,6 Mrd. Pfund Sterling bei erstklassig bewerteten forderungsbesicherten CDOs mit 52 cts zum Dollar angegeben. Da rund drei Viertel dieses Portfolios durch die gleichen zweifelhafteren Hypothekendarlehen späteren Datums gestützt werden, die sich auch im Buch von Merrill wieder finden, muss die RBS vielleicht doch noch einmal nachschauen.

Natürlich könnten die RBS und andere Banken mit umfangreichen Engagements bei RMBSs und CDOs - eine Gruppe, zu der auch Lehman, UBS und Barclays gehören - argumentieren, dass der Verkauf von Merrill eine einmalige Angelegenheit ist, die keinen relevanten Preis vorgibt, der eines Vergleichs wert ist.

Das ist wahr. Um Merrill eine solch riesige Ladung an Not leidenden Vermögenswerten abzunehmen, wird der Käufer Lone Star auf einem Deal zu Billigstpreisen bestanden haben, um sein eigenes Renditepotenzial zu maximieren. Aber auch wahr ist, dass den Prüfern durch den Verkauf jetzt eine klare Zahl präsentiert wurde. Und es mag gar nicht lange dauern, bis ein weiteres Kreditinstitut ein massives Portfolio abstoßen möchte. Dann wird es noch schwerer, offen gelegte Marktkurse zu ignorieren.

Was sich am Beispiel von Merrill ablesen lässt, betrifft nicht nur die Preise von hypothekenbesicherten Vermögenswerten. Um den CDO-Verkauf auszuführen, musste die Donnernde Herde sich darauf beziehende Hedge-Transaktionen mit ihren Kreditversicheren auflösen. Aber diese ohnehin schon suspekten Gegenparteien haben sich als noch weniger verlässlich erwiesen als gedacht. Eine Reihe von Hedges hatte Merrill mit XL Capital Assurance über eine Mrd. Dollar abgeschlossen. Aber alles was Merrill XL noch abringen konnte, waren 500 Mill. Dollar.

Die Realität hat sich wieder einmal zurückgemeldet. Allen Beteiligten wurde auf diese Weise schmerzlich in Erinnerung gerufen, wie lange es noch dauern könnte, bis sich der Finanzsektor von dieser Krankheit erholt.

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