Merrill Lynch
O’Neals Fallschirm

Merrill Lynch zu verkaufen, hätte dem scheidenden Chief Executive Stan O’Neal mehr als 200 Mill. Dollar eingebracht. Er könnte immer noch den größten Teil davon einstreichen, wenn man ihm erlaubt, „in den Ruhestand zu treten“. Doch das kann und darf eigentlich nicht die Lösung sein.

Es ist nicht verwunderlich, dass es Stan O?Neal einen verzweifelten Versuch wert war, Merrill Lynch an Wachovia zu verkaufen. Selbst wenn den Chairman und Chief Executive von Merrill Lynch ein solcher Deal am Ende den Job gekostet hätte, hätte er weit mehr als 200 Mill. Dollar einsacken können. Allerdings: Wenn man ihm jetzt ermöglicht "in den Ruhestand zu treten", könnte er zum Schluss vielleicht immer noch mit dem größten Teil dieser Summe nach Hause gehen. Und so kann die Lösung nur lauten: Der Board muss ihn feuern.

O?Neal hat im vergangenen Jahr nach Berechnungen von Merrill 48 Mill. Dollar verdient. Das ist das zweithöchste Gehalt aller Wall Street-Bosse - nur Lloyd Blankfein von Goldman Sachs wird noch besser bezahlt. Wie jetzt erkennbar wird, hat er dieses Geld für für Geschäftserfolge erhalten, die aus dem kurzzeitig rentablen Massenansturm der "Donnernden Herde" der Investmentbanken auf riskante Hypothekendarlehen und komplex strukturierte Finanzprodukte herrührten. Doch nun hat sich der Wind gedreht: Die Investmentbank hat in diesen Bereichen acht Milliarden Dollar abschreiben müssen, wobei einige Analysten schätzen, dass das noch nicht alles war.

Ganz ähnlich wie Hedge Fonds-Manager verdienen die Häuptlinge der Wall Street in guten Jahren großartig. Und wenn etwas schief läuft, müssen sie nichts zurückgeben. Natürlich können sie ihren Job verlieren. Auch wenn sie dann vielleicht einige Spielarten einer erst später erfolgenden Vergütung verwirkt haben, sind Abschlusszahlungen an der Tagesordnung. Und die Chefs erhalten üblicherweise Sonderzahlungen etwa für sowieso schon gut ausgestattete Pensionspläne. Merrill behauptet, seinen Managern einen solchen "Abfindungsschutz" nicht zu gewähren - außer in einer Situation, in der sich die Beherrschungsverhältnisse des Unternehmens ändern (daher vielleicht die Offerte von O?Neal an Wachovia).

Falls O?Neal von seinem Board an die Luft gesetzt wird, dann könnte er theoretisch die Anwartschaft auf Aktien über rund 140 Mill. Dollar verlieren, die ihm noch nicht unwiderruflich übertragen worden sind, wie aus einer Abstimmungsvollmacht des Unternehmens, die der US-Wertpapieraufsicht SEC vorgelegt werden muss, von Anfang des Jahres hervorgeht. Das wäre ein harter Schlag für O'Neal, aber er wäre angemessen. Hier geht es nicht einfach um launische Aktionäre, die einen hoch bezahlten Chief Executive langsam satt haben. Der schwarze Peter für die Verluste muss bei O?Neal landen, der offensichtlich nicht in der Lage war, die Risiken zu erfassen, die die Firma unter seiner Verantwortung eingegangen ist. Außerdem hat er bereits viele zweistellige Millionenbeträge mit nach Hause getragen.

Wenn es O?Neal allerdings gestattet wird, lediglich "in den Ruhestand zu treten", und wenn er dann nicht bei einem Konkurrenten anheuert, dann ist er berechtigt, so ziemlich alles zu behalten, wie aus der Erklärung an die SEC weiter hervorgeht. Zieht man ähnlich gelagerte Fälle als Richtschnur heran, dann ist dies - oder ein Verhandlungsergebnis in der Mitte - das wahrscheinliche Resultat. Das würde dann so aussehen, als ob Versagen auch noch belohnt wird. Der Vorstand schuldet den Aktionären eine härtere Haltung.

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