Merrill mit Goldman-Note zu versehen, ist für Thain nur die halbe Miete
Merrill-Lynch-Chef Thain fährt zweigleisig

John Thain möchte Merrill Lynchs Risikomanagement und Führungskultur mit Goldman-Flair versehen. Aber die beiden Unternehmen sind unterschiedlich. Das Merrill-Gleis zu verlassen, erfordert den Rückgriff auf die eigene Kultur und auf Best-Practice-Erfahrungen von anderen Unternehmen.

John Thain, der neue Vorstandsvorsitzende von Merrill Lynch, möchte dass die "donnernde Herde“ seinem alten Brötchengeber Goldman Sachs ähnlicher wird. Nach dem Trauma mit der alten Führung unter Stan o’Neal braucht Merrill jetzt sicherlich ein strengeres Risikomanagement und eine kollegialere Unternehmenskultur. Aber ein Bison lässt sich schlecht in eine Gazelle verwandeln und Goldman sklavisch nachzubilden könnte sich ohnehin als schlechte Idee erweisen. Es ist zumindest genauso wichtig, sich auf die Konkurrenzvorteile Merrills zu besinnen.

Nach den schmerzhaften Wertberichtigungen, die O’Neals Fenstersturz vorausgingen, wird Thain die Führungsriege wohl neu organisieren. Er muss auch die Moral erneuern. Goldmans Ruf als die Investmentbank, die es zu schlagen gilt, ist keine Marotte der Unternehmenskultur. Diese Bank arbeitet mit einer Intensität, die ihresgleichen sucht, sondert Mitarbeiter mitleidlos aus, die nicht die erwartete Leistung bringen, und besteht darauf, dass selbst die Besten den persönlichen Ruhm dem größeren Ziel opfern. Ihre Expertise im Risikomanagement stammt aus der Erfahrung mit dem Einsatz eigener Mittel.

Wenn es jemand schaffen kann, die Goldman-Art auf Merrills Schultern zu legen, dann Thain. Er war Vizepräsident und Vorstandsvorsitzender bei Goldman, bevor er das Unternehmen verließ, um sein Glück bei der New Yorker Börse zu suchen. Es muss sich aber klar machen, dass Merrill und Goldman verschieden sind wie Tag und Nacht. Merrill ist seit mehr als dreißig Jahren Aktiengesellschaft, Goldman wird zwar ebenfalls seit 1999 öffentlich gehandelt, aber immer noch wie in Privatbesitz geführt; Merril ist zu einem hohen Anteil Retail-Broker, Goldman ist der vollendete institutionelle Vermögensverwalter; Merrill hat gerade eine Beinahe-Diktatur hinter sich, bei Goldman sind Entscheidungen zwar hart umkämpft, fallen aber kollektiv.

Dann gibt es noch den Zahn der Zeit. Jede Ära hat ihre herausragenden Banken – Rothschilds und Baring im Neunzehnten Jahrhundert, JPMorgan an der Wall Street der frühen Jahrzehnte des Zwanzigsten Jahrhunderts, Warburg und Schroders vielleicht in den Städten der Nachkriegszeit. Im Augenblick heißt das Geschäft Goldman, aber Goldman heute nachzuahmen ist genauso aussichtslos wie die Kopie von Warburg vor einem halben Jahrhundert. Erfolg hat, wer die eigenen Stärken pflegt und von der Konkurrenz lernt. Merrill verfügt über eine hohe Bilanzsumme, eine starke Marke und große geographische Reichweite. Thain sollte nach innen und außen schauen, um den Schlüssel zu Merrills Erholung zu finden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%