Millionäre
Bescheidenheit siegt über Gier

Die Millionäre in den USA, Europa und Asien haben im vergangenen Jahr mehr als ein Fünftel ihres Vermögens verloren. Die Reichen Lateinamerikas dagegen büßten nur sechs Prozent ein. Denn sie gehen eher Risiken beim Geldverdienen ein, nicht beim Anlegen. Ein Lehrstück zu Fragen der Gier.
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Lateinamerika hat der Weltwirtschaft ein wertvolles neues Exportgut anzubieten: die Bewahrung von Vermögen. Die Millionäre in den USA, Europa und Asien haben im vergangenen Jahr mehr als 20 Prozent ihrer Nettovermögenswerte verloren. Doch die Reichen Lateinamerikas büßten nur sechs Prozent ein. Dies geht aus der viel beachteten Jahresanalyse von Merrill Lynch und Capgemini hervor. Juan kann John also eine Menge darüber beibringen, wie man reich wird und es auch bleibt.

Schlechte Investitionen waren es, die den meisten vermögenden Privatpersonen rund um den Erdball zusetzten. Die wohlhabenden Nordamerikaner steckten mehr als ein Drittel ihres Geldes in Aktien. Ihre Zuteilungen in diesem Bereich lagen um neun Prozentpunkte über dem weltweiten Durchschnitt. Die Asiaten verließen sich übermäßig stark auf Immobilien. Auch die Petro-Dollars aus der Golfregion flossen exzessiv in diesen Sektor. Aber die Investoren dort setzten stärker als ihre gut betuchten Gegenspieler aus anderen Gegenden auch auf Hedge Fonds, Private Equity und strukturierte Produkte.

Weit konservativer gingen die Lateinamerikaner mit ihren Schätzen um. Sie investierten 40 Prozent ihrer Vermögenswerte in Festverzinsliche. Zudem rangierten sie bei den Zuteilungen in Aktien und Immobilien fast oder ganz am unteren Ende. Die Geldelite rund um den Globus beeilte sich, ihr Vermögen in großem Schwung in ihr jeweiliges Heimatland zurückzuführen. Doch auch hier taten sich die Lateinamerikaner besonders hervor, die von staatlichen Subventionen und dem vergleichsweise höheren Zinsniveau profitierten.

Die Investoren dieser Region scheinen es vorzuziehen, Wagnisse eher beim Prozess des Geldverdienens einzugehen als später dann bei der Investition der Ernte. Die Länder Lateinamerikas hatten schon immer mit größeren politischen und geschäftlichen Unwägbarkeiten zu kämpfen als Nordamerika oder Europa. Aber eine Fülle von Rohstoffen hat zur Vermögensbildung beigetragen, genau so wie unternehmerische Anstrengungen in Sektoren wie dem Einzelhandel. Dort werden multinationale Konkurrenten immer noch von hohen Eintrittsbarrieren behindert.

Die umsichtigere Investitionsphilosophie der südlichen Hemisphäre lässt auf einen bewundernswerten Grad der Zurückhaltung schließen, was die Gier betrifft. Die Wohlhabenden dort scheinen nicht unbedingt darauf erpicht zu sein, zehn Mill. Dollar, die erwirtschaftet wurden, mit Hilfe von Marktwetten in 50 Mill. Dollar zu verwandeln - ein Vorhaben, zu dem man in der Regel nicht nur Wagemut, sondern auch Fremdkapital braucht. Trotzdem werden die Reichen Lateinamerikas, genau so wie die Amerikaner, bis 2013 ihr Vermögen um fast sieben Prozent steigern, schätzt Merrill. Sie dürften damit weiter vor den Europäern und den Investoren aus dem Nahen Osten liegen. Sie werden ihr Ziel auf die altmodische Tour erreichen - und weil sie einen Startvorsprung haben, denn schließlich haben sie so viel weniger verloren.

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