Mitarbeiter-Exodus beim US-Versicherungskonzern
AIG: Der Letzte macht das Licht aus

Wer will einen Job bei AIG Financial Products? Geboten werden: Niedriges Gehalt, kein Bonus und öffentliche Diffamierung. Karriere-Aussichten: Als Letzter das Licht auszumachen. Bei dem Versicherungskonzern hat ein Exodus eingesetzt. Die Steuerzahler müssen nun darauf hoffen, dass wenigstens noch einer bleibt, um die Derivate abzuwickeln.
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Das amerikanische Volk hat seinen Willen durchgesetzt. Die meisten Spitzenmanager des Bereichs Finanzprodukte von AIG werden ihre Boni zurückzahlen. Auch viele Mitarbeiter der Derivate-Mannschaft wollen dies tun. Dann ist das also erledigt, richtig? Halt - nicht so schnell. Aus den Rückforderungen bei AIG könnten sich noch Konsequenzen ergeben.

Die Mitarbeiter der AIG-Derivateabteilung, dieses in sich geschlossenen Systems innerhalb des Versicherungskonzerns, sind mit ihren massiven Wetten auf dem Markt für Credit Default Swaps (CDS) dafür mitverantwortlich, dass die US-Regierung eine Rettung für AIG über 170 Mrd. Dollar initiieren musste. Jetzt verlassen sie das sinkende Schiff in Scharen. Vor allem in der Niederlassung der Gruppe in Wilton im US-Bundesstaat Connecticut hat ein regelrechter Exodus eingesetzt. Unter den Flüchtenden befindet sich ein Abtrünniger, der dem AIG-Chef Ed Liddy seine Kündigung in Form eines Leserbriefs in der "New York Times" zugestellt hat.

In London, wo der Großteil der CDS-Wetten abgeschlossen wurde, sind am Mittwoch mindestens zwei Topmanager von Bord gegangen. Und AIG-Interne wappnen sich für Kündigungen en masse - einige spekulieren sogar, dass die Abteilung in London geschlossen das Weite sucht. Ein Unternehmenssprecher wollte dazu keine Stellung beziehen.

Nun, wen kümmert das schon, könnte man fragen. Schließlich haben diese Bösewichte fast das globale Finanzsystem schrottreif geschossen und hatten dann noch Frechheit, sich selbst weiter mit Boni über Millionen von Dollar zu belohnen.

Selbst frühere Sympathisanten aus der Wall Street und der Londoner City haben sich mittlerweile auf die Seite des Volksaufstands geschlagen. Denn wären die 165 Mill. Dollar an Boni für die Derivatkünstler nicht gewesen, zu deren Zahlung die AIG vertraglich verpflichtet war, hätte der US-Kongress schließlich auch keinen Strafsteuersatz von 90 Prozent auf Boni bei Unternehmen, die umfangreiche staatliche Beihilfen erhalten, verhängt.

Dass die AIG-Angestellten jetzt einen großen Teil des Geldes zurückgeben wollen, nimmt also den Druck von allen Beteiligten. Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Zwar mögen jetzt die 165 Mill. Dollar teilweise an die Steuerzahler zurückfließen - aber was ist mit den 170 Mrd. Dollar, die die Regierung in die AIG gepumpt hat? Ob dieses Geld wieder eingetrieben werden kann, hängt davon ab, wie erfolgreich sich die AIG dabei schlägt, die Handelsabschlüsse über Hunderte von Milliarden Dollar glatt zu stellen, die der Bereich Finanzprodukte eingegangen ist.

Dabei handelt es sich ja nicht um simple Schuldscheine. Einige haben eine Laufzeit von bis zu 90 Jahren. Sie umfassen viele unterschiedliche Regionen, Gerichtsbarkeiten und Anlageklassen. Vielen sind Modelle beigefügt, die in Programmiersprachen verfasst wurden, die nicht einmal mehr an den Universitäten gelehrt werden. Sie abzuwickeln, ist eine große und komplexe Aufgabe.

Eigentlich müsste es aber doch eine Vielzahl arbeitsloser Banker und Händler geben, die den Platz der fliehenden Bonuseinsacker bei AIG einnehmen wollen. Vielleicht - aber das Angebot ist nicht gerade verlockend: ein mittelmäßiges Grundgehalt und kein Bonus.

Zwischenzeitlich hat das außerordentlich Interesse der Öffentlichkeit an den Vorgängen bei AIG dazu geführt, dass das Ansehen eines AIG-Angestellten irgendwo zwischen dem eines Pädophilen und dem eines Journalisten rangiert. Und wie sieht es mit der künftigen Karriere derer aus, die einwilligen, das Derivatebuch zu beackern? Nun, ein paar Jahre wird es schon dauern, das Portfolio abzuwickeln.

Und mit viel Glück darf man am Schluss das Licht ausmachen. Kurz, bei dem Geschäft ist weder Geld noch ein Karrieresprung drin.

Der Volkszorn hat sich in weniger als zwei Wochen einige Millionen zurückerobert. Doch jetzt müssen die Steuerzahler darauf hoffen, dass ihnen daraus langfristig nicht viel höhere Kosten erwachsen.

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