Mittelamerika
Mexikos Malaise

Die globale Wirtschaftsschwäche und der Ausbruch der H1N1-Grippe bescheren Mexiko das schlimmste Jahr seit der "Tequila-Krise" im Jahr 1995. Damit nicht genug: Auch wenn die Grippeepedemie vorbei ist, wird Mexiko hinter Asien zurückbleiben.
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Mexiko kehrt nach einer kurzen Pause, in der die Epidemiegefahr gebremst werden musste, zur Tagesordnung zurück. Aber die Rückkehr zur Quasi-Normalität bedeutet auch eine Rückkehr zum Wirtschaftsabschwung. Die zwischenzeitlichen Irritationen - die globale Wachstumsschwäche sowie die Grippe - werden vorübergehen. Aber Mexikos Malaise weitergehen.

Die Aussichten für dieses Jahr waren schon düster, bevor die unselige Krankheit zuschlug. Die Exporte leiden unter der Schwäche der USA und der Staatshaushalt unter dem Rückgang der Ölpreise. Jetzt wird auch der Tourismus schmerzhaft einbrechen. Das BIP könnte in diesem Jahr um 6 Prozent sinken, das schwächste Ergebnis seit der sogenannten "Tequila-Krise" im Jahr 1995. Und das Budgetdefizit könnte ein Volumen von fünf Prozent des BIP erreichen.

Aber die Wirtschaft entwickelt sich schon seit Längerem nur noch mau. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate ist im Vergleich zum Fernen Osten armselig. Sie liegt bei drei Prozent beziehungsweise bei lediglich 1,8 Prozent pro Kopf, wenn man das Bevölkerungswachstum berücksichtigt. Der deutliche Rückschlag in diesem Jahr wird den Fünfjahresdurchschnitt der mexikanischen Wachstumsrate auf weniger als zwei Prozent und pro Kopf auf rund ein Prozent drücken.

Während Asien boomt, trödelt Mexiko. Asiens Erfolg ist aber auch Teil des Problems. Früher griffen US-amerikanische Produzenten auf billige mexikanische Arbeitskräfte zurück, jetzt bedienen sie sich der billigeren Chinesen. 2002 importierten die USA mehr Güter aus Mexiko als aus China. 2008 lagen die Importe aus China um 56 Prozent über den Einfuhren aus Mexiko.

Chinas unterbewertete Währung verschaffte den Asiaten einen unfairen Vorteil. Jetzt könnte ein fallender Peso zumindest teilweise Abhilfe schaffen. Aber Mexiko versagt auch auf anderen Gebieten. Während China Akademiker am Fließband ausbildet, bleibt das mexikanische Bildungssystem schwach. Die mächtige Lehrergewerkschaft bremst die notwendigen Reformen. Keine Regierung zeigte sich dieser Herausforderung bisher gewachsen.

Auch die Ölindustrie stellt eine politische Herausforderung dar. Die Produktion der staatlichen Ölgesellschaft Pemex ist rückläufig, weil die Reserven ihres Hauptfeldes zur Neige gehen. Im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres fiel der Output in diesem Jahr um 7,8 Prozent. Gemeinsam mit ausländischen Partnern könnte Pemex Tiefseeöl fördern. Aber Ausländer in der mexikanischen Ölindustrie bleiben ein politisches Tabu. Die Regierung von Staatspräsident Felipe Calderón reagiert zu langsam, um hier etwas zu bewegen. Die Regierung ist jedoch von Pemex abhängig, da die Steuereinnahmen mager sind. Auf der Einnahmenseite des Budgets machen die Zuflüsse, die nicht aus dem Ölgeschäft stammen, lediglich acht Prozent des BIP aus.

Wenn die Öleinnahmen sinken, werden ernsthafte Haushaltsreformen notwendig. Ohne solche Reformen kann ein Land, das einen teuren Kampf gegen das Drogengeschäft finanzieren muss, sich die notwendigen Investitionen in Bildung und Gesundheit nicht leisten. Die Grippe kann man behandeln und sie wird wieder abklingen. Mexikos wahre Probleme aber liegen in Entwicklungsdefiziten, sie sind chronisch - und werden nicht behandelt.

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