Morgan Stanley
Notfallplan B

Die neun Mrd. Dollar, die Mitsubishi in Morgan Stanley investieren will, nehmen zwar ein wenig den Druck von der US-Bank. Aber ihre Finanzierung ist damit nicht garantiert. Bei einer Bilanz über 900 Mrd. Dollar muss die ehemalige Investmentbank ihre Kreditlinien stützen. Uncle Sam oder die Japaner scheinen noch die beste Lösung zu sein – auch wenn die Firma bei der asiatischen Variante vielleicht ihre Unabhängigkeit einbüßt.

Morgan Stanley ist schon mehrmals knapp dem Tod entwischt, seitdem Lehman Brothers zusammengebrochen ist. Die neun Mrd. Dollar an Kapital der japanischen Mitsubishi UFJ, dessen Eintreffen für Dienstag erwartet wird, mag vielleicht die jüngste Hysterie lindern. Aber angesichts der Drohung der Rating-Agentur Moody?s, die Bonitätsbewertung des Wall Street-Titanen zurückzustufen und angesichts des fast vollständigen Ausschlusses der Firma von den Kreditmärkten, muss der Board von Morgan Stanley einen Notfallplan parat haben.

Das Problem der Bank liegt in der Finanzierung. Die Bedenken, was ihre Kreditwürdigkeit angeht, haben ihre Kosten für die Mittelaufnahme weit über ein Niveau gehievt, zu dem es wirtschaftlich wäre, die Kreditmärkte anzuzapfen. Die Kosten, um sich gegen einen möglichen Zahlungsausfall der Gesellschaft abzusichern, sind auf mehr als elf Prozentpunkte jährlich für einen Zeitraum von fünf Jahren geklettert. Das ist doppelt so viel wie bei Goldman Sachs.

Das sieht schlecht aus und könnte einige Gegenparteien dazu veranlassen, mit der Firma nicht mehr zusammenzuarbeiten, was sich negativ auf Morgan Stanleys Ertragskraft auswirken könnte. Der Prime Brokerage, also dem Bereich für Handel, Wertpapierleihe und Verrechnung für Hedge Fonds, haben einige der Hedge Fonds-Kunden von Morgan Stanley tatsächlich schon den Rücken gekehrt. In welchem Ausmaß sich diese schmerzlichen Abgänge auswirken, wird erst bei der Vorstellung der Ergebnisse im Dezember deutlich werden. Aber einigen Berichten zufolge hat sich ein Drittel des Geschäfts der Abteilung in Luft aufgelöst.

Im laufenden Quartal werden die Barmittel der Bank nach Berechnungen von Sanford Bernstein mit insgesamt 22 Mrd. Dollar in Anspruch genommen. Gebraucht wird das Geld, um ausstehende Commercial Paper abzubezahlen, Tilgungen auf langfristige Schuldtitel vorzunehmen und Dividenden zu zahlen. Die Inanspruchnahme von Liquidität werde sich 2009 auf durchschnittlich 11,4 Mrd. Dollar pro Quartal belaufen, schätzt die Research-Firma. Morgan Stanley habe deshalb genug liquide Mittel, um eine Inanspruchnahme ihrer Barmittel mindestens bis zum Ende des dritten Quartals 2009 erfüllen zu können, schließt Sanford Bernstein.

Aber ob Morgan Stanley noch die Kapazitäten hat, sich gegen eine Panikattacke zu stemmen, bei der die Gegenparteien größere Sicherheiten verlangen oder keine Geschäfte mehr mit der Firma eingehen wollen, weil sie Angst haben, ihre eigenen Sicherheiten könnten blockiert werden, wenn Morgan Stanley das gleiche Schicksal wie Lehman Brothers treffen sollte, ist unklar. Die Gruppe weist eine Bilanz über 900 Mrd. Dollar auf und ein Kapital von - die Kapitalspritze von Mitsubishi schon mit eingerechnet - rund 51 Mrd. Dollar.

Die Finanzierung von Morgan Stanley ist eindeutig solider als es die von Lehman Brothers war - nicht zuletzt, weil die Federal Reserve der Firma Zugang zu viel mehr Barem gewährt hat, nachdem sie sich in eine Bankholding umgewandelt hatte. Auch die Entscheidung von dieser Woche, es den Firmen zu gestatten, der Fed Commercial Paper zu verkaufen, wird Abhilfe bringen, da Morgan Stanley auf diesem Markt sehr aktiv ist. Insgesamt gesehen, so schreibt Sanford Bernstein, werden 85 Prozent der "Bilanz der Gruppe durch die von der Federal Reserve gestützten Programme garantiert". Doch das legt nahe, dass 15 Prozent über andere Wege finanziert werden. Das spielt vielleicht keine Rolle, wenn man überzeugt ist, dass der Zugang der Bank zu den Kreditmärkten rechtzeitig wieder geöffnet wird, bevor sie diese Vermögenswerte finanzieren muss. Und das Geld von Mitsubishi mag vielleicht genau dabei helfen, diese Tore wieder aufzuschieben.

Aber wenn dies nicht eintritt, dann trägt jeder Tag, der vorüber geht, ohne dass die Finanzierungsfrage geklärt ist, zu ein bisschen mehr Verunsicherung bei. Und wenn es irgendetwas gibt, was der schnelle Niedergang von Lehman Brothers bewiesen hat, dann dies, dass Angst in einem Bärenmarkt schnell zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden kann.

Daher sollte die Kapitalspritze aus Japan nur der Auftakt zum Erschließen einer länger anhaltenden Finanzierungsquelle sein. Die zuständigen US-Behörden könnten ja noch einmal zu einer Rettungsaktion ausrücken. Wenn Uncle Sam mit einem Plan herauskommt, mittelfristige Finanzierungen zu garantieren, so ähnlich wie es die britische Regierung in dieser Woche vorexerziert hat, dann würde Morgan Stanley davon profitieren.

Als Alternative könnte die Firma versuchen, sich eine Kreditlinie von Mitsubishi zu sichern, die über Einlagen von 1,1 Bill. Dollar verfügt. Der japanische Riese würde vermutlich allerdings eine Gegenleistung dafür verlangen, dass er noch mehr von seinem Geld aufs Spiel setzt - besonders da er bei seiner geplanten Investition auf dem Papier bereits auf einem happigen Verlust sitzt. Eine Option für die Japaner wäre es, Morgan Stanley einfach mit Haut und Haar zu schlucken.

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