Morgan Stanley
Panik-Attacke an der Wall Street

Wachovia braucht dringend Kapital, Morgan Stanley hängt in den Seilen. Eine mögliche Fusion beider Institute erscheint wie ein von Panik getriebener Versuch, sich vor einem angsterfüllten Markt wegzuducken. In Zeiten größerer Stabilität könnte ein solcher Deal sinnvoll sein. Heute sieht es allerdings so aus, als ob zwei Besoffene sich gegenseitig stützten. Beide könnten mit dem Gesicht nach unten aufschlagen.

In einer Ära der Stabilität, wenn die Märkte effizient funktionieren, Aktien nach künftigen Gewinnen bewertet werden und Unternehmen und Regierungen heiter ihrer getrennten Wege gehen, könnte eine Fusion zwischen Wachovia und Morgan Stanley ein Zeichen dafür sein, dass alles gut ist. Heute, da die Finanzmärkte von irrationalen Ängsten geschüttelt werden, kommt die Vorstellung, dass sich eine der weltweit führenden Investmentbanken mit einer der größten Banken Amerikas zusammenschließt, eher einer Panik-Attacke gleich.

Genau wie der bevorstehende Kauf von Merrill Lynch durch die Bank of America ist auch eine Verschmelzung von Wachovia und Morgan Stanley theoretisch sinnvoll. Sie würde den größten US-Broker für das Privatanlegergeschäft schaffen. Wachovia könnte ihre drittklassige Investmentbank sausen lassen. Die Asset Manager der beiden Firmen zusammenzustecken, würde enorme Synergien einbringen.

Tatsächlich wäre der Wert der künftigen Kosteneinsparungen für die Aktionäre heute wahrscheinlich größer als der derzeitige Marktwert von Wachovia über 20 Mrd. Dollar. Bevor John Mack als Chief Executive zu Morgan Stanley zurückkehrte, hatte daher sein Vorgänger eine Zusammenlegung mit Wachovia als strategische Option angesehen - genau wie der Chef von Merrill.

Aber es ist ein Zeichen dafür, wie verstört die Investoren mittlerweile schon sind, dass Morgan Stanley - noch nicht einmal einen Tag, nachdem die Wall Street-Firma ihren Aktionären mitgeteilt hatte, keine öden Bankeinlagen zu benötigen - eine schützende Umarmung der kapitalarmen Wachovia in Erwägung ziehen würde.

Es ist ja nicht so, dass Morgan Stanley definitiv bewiesen hat, dass ihrem Geschäftsmodell nichts anhaften kann. Die Versuche von Mack, die Firma an Goldman Sachs auszurichten und ihren Risikoappetit anzuregen, haben einige schlimme Geschäfte, zu viele blockierte Kredite an Übernahmefirmen und eine Mitarbeiterzahl hervorgebracht, die nicht im Einklang mit dem Geschäftsvolumen steht, von dem das Unternehmen ausgehen kann. Und doch hatten die Drittquartalsergebnisse wiederum nichts enthalten, was bodenloses Entsetzen auslösen hätte können.

Das Problem mag darin liegen, dass Mack wie ein waidwundes Tier agiert. Zunächst hatte er sich entschlossen, die Märkte mit der um einen Tag vorgezogenen Vorlage der Quartalsergebnisse zu überraschen. Danach hatte er die Leerverkäufer unter Beschuss genommen, wobei er eine intensive politische Lobbyarbeit betrieb, um die Aufsichtsbehörden dazu zu bringen, diese Vorgehensweise praktisch zu verbieten.

Dadurch verstärkt sich der Eindruck, dass Morgan Stanley belagert wird - wiederum eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Das Engagement von Wachovia auf dem immer tiefer sinkenden Immobilienmarkt, das Fehlen einer angemessenen Kapitalausstattung und ihr Portfolio an Hypothekendarlehen für zweifelhafte Schuldner machen aus der Bank ein mustergültiges Mitglied im Finanzklub der gehfähigen Verwundeten.

Mack macht sich zu Recht Sorgen über die Zukunft seines Geschäfts. Aber eine Entscheidung, seinen eigenen angeschlagenen, aber immerhin noch aufrecht stehenden Patienten mit einem der wirklich Leidenden zusammenzubringen, wird nur dazu führen, dass sich die Krankheit weiter ausbreitet.

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