Motivation
Zum Scheitern zu smart

Was treibt die Wall Street-Chefs in Boom-Zeiten um? Natürlich in erster Linie ihre Bezahlung. Wie eine Harvard-Studie nahe legt, könnte auch die Möglichkeit, ihre Aktienbestände zu verkaufen, zu einer übermäßigen Risikobereitschaft beitragen. Doch die Investment Banking-Bosse werden auch durch Macht, Prestige und - während spekulativ überhitzter Phasen – von dem Glauben getrieben, selbst alles am Besten zu wissen. Dagegen kann man sich nur schwer wappnen.
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Welchen Stellenwert hat die Vergütung für den durchschnittlichen Multimillionär in leitender Position bei einer Investmentbank? Natürlich rangiert dieser Punkt ganz oben auf der Liste des für ihn Unerlässlichen. Und wie eine Harvard-Studie nahe legt, könnte in einigen Fällen die Option, angesammelte Aktienbestände verkaufen zu können, zu einer übermäßigen Risikobereitschaft beitragen. Aber Geld ist nicht das einzige Motiv, das die Bosse der Wall Street umtreibt.

Wenn dem so wäre, hätten schon viele, die auf der Kommandobrücke standen - oder die wie Warren Spector und Jimmy Cayne von Bear Stearns stattdessen lieber am Bridge-Tisch saßen - schon längst dem Geschäft den Rücken gekehrt. John Mack, zum Beispiel, hätte sich in den Ruhestand verabschieden und mehr als komfortabel leben können, nachdem er Morgan Stanley im Jahr 2001 verlassen hatte. Stattdessen übernahm er bei Credit Suisse das Ruder, bevor er als Chief Executive zu Morgan Stanley zurückkehrte.

Fakt ist, dass Führungskräfte die Herausforderung, die Macht, das Prestige und den Kampf lieben, ihre Konkurrenten zu übertreffen - und der Betrag, der ihnen gezahlt wird, ist nur eine von mehreren Manifestationen dieser Beweggründe. Und während der Phasen des Booms und der spekulativen Übertreibungen tendieren sie oft zu der Überzeugung, selbst alles am Besten zu wissen.

Nehmen wir beispielsweise Lehman Brothers. Zwei Nahtoderfahrungen in den neunziger Jahren hatten der Investmentbank scheinbar vermittelt, wie unabdingbar ein solides Risikomanagement ist. Doch bis das Jahr 2007 herannahte, war der oberste Risiko-Chef der Firma mittlerweile aus maßgeblichen Besprechungen ausgeschlossen worden. Und diejenigen, die Einwände gegen die aggressive Strategie der Bank bei Gewerbeimmobilien vorbrachten, die zum Untergang der Bank beitrug, wurden entfernt. Das gemahnt eher an Selbstüberschätzung als an Aktienmarkt-Timing.

Doch die Harvard-Studie erinnert auch daran, dass die Spitzenmanager von Lehman und Bear zwar eine Menge Geld eingebüßt haben, als ihre Firmen kollabierten, sie aber gleichzeitig einen Großteil des Vermögens retten konnten, das sie vorher angehäuft hatten. Denn sie konnten einen Teil der Aktienbestände verkaufen, die sie aufgebaut hatten.

Gemäß den alten Partnerschaftsstrukturen der Wall Street war es fast unmöglich, Aktien zu verkaufen, bis ein Partner in den Ruhestand ging. Auf neue Aktienzuteilungen kann jetzt in der Regel ein paar Jahre nach ihrer Gewährung zugegriffen werden. Zwar geht die Untersuchung nicht darauf ein, wie viele Aktien die Führungskräfte von Bear und Lehman verkauft haben, um rechtlich vorgeschriebenen Ausgaben wie der Begleichung von Steuerschulden nachzukommen. Aber die Autoren verweisen zu Recht darauf, dass die Möglichkeit, große Portionen an Aktien und Optionen abstoßen zu können, möglicherweise die geschäftlichen Entscheidungen beeinflusst, die Führungskräfte treffen.

Die Verfasser der Harvard-Studie schlagen deshalb vor, den Verkauf sämtlicher Aktien und Optionen jedes Jahr auf zehn Prozent der Bestände eines Topmanagers zu beschränken. Und vielleicht sollten sich die Aktionäre und Aufsichtsbehörden diesem Gedankengang anschließen. Sich jedoch gegen die Überzeugung der Wall Street-Bosse zu wappnen, sie seien zum Scheitern zu smart - eine Überzeugung, die genau diese Bankenchefs den letzten Rest ihrer Bestände kosten kann - ist jedoch viel schwieriger.

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