Nach dem Mauerfall
Das Brett vor dem Kopf ist geblieben

Den meisten Bundesbürgern ist die Neugierde auf den jeweils anderen Landesteil abhandengekommen. Im Westen setzen sich überholte Ost-Klischees fest.
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Wir feiern den Fall der Mauer, Zeitzeugen kommen zu Wort, die Historiker vertiefen sich immer genauer in die Vorgeschichte. Zwanzig Jahre danach ist das richtig und erfreulich. Überraschend dagegen ist, dass innere Einheit und Aufbau Ost - schon der Begriff klingt merkwürdig antiquiert - auch historisiert werden. Aktuell setzt man sich nicht mehr damit auseinander.

Im Alltagsbewusstsein ist die Einheit zum Teil der deutschen Erinnerungskultur geworden, sowohl der seriösen als auch der kitschigen - samt Devotionalienhandel. Eines aber ist sie im Empfinden der meisten Bundesbürger kurioserweise nicht: eine gemeinsame Erfolgsgeschichte. Sie wird auch nicht mehr als Anlass genommen, sich neugierig mit den aktuellen Erfahrungen und Geschehnissen im jeweils anderen Landesteil zu befassen.

Wenn wir die kurz vor oder nach der "Wende" Geborenen auslassen, gilt für die meisten Deutschen: Ihr Urteil über den jeweils anderen Landesteil steht fest, und sie wollen nicht mehr daran rütteln. Aufmerksam hingeschaut wird nicht. Beruhigend, dass wenigstens nur eine Minderheit die Mauer wiederhaben will - in den alten Bundesländern übrigens mit 20 Prozent doppelt so viele wie in den neuen. Bestürzend ist das Brett vor dem Kopf, das viele noch oder wieder haben.

Da ist etwa das Vorurteil, der Osten sei nach wie vor wirtschaftliches Notstandsgebiet und würde personell ausbluten. Man denkt, dass seit 1989 ein steter Strom von Ostdeutschen gen Westen ziehe. Die Wirklichkeit ist eine andere, viel differenziertere: Das Wohlstandsgefälle West-Ost ist kaum größer als das innerhalb des Westens. Aus Sachsen wandern per Saldo nur so viele Menschen ab wie aus NRW, deutlich weniger als aus Bremen oder dem Saarland. Brandenburg, für viele Westdeutsche eine entvölkerte Brache kurz vor der russischen Steppe, hat bei weitem den höchsten Zuwanderungssaldo der Republik, deutlich mehr als Bayern.

Auch das Bild, das man sich von der Lage der Frauen macht, ist in Stein gemeißelt: Im Osten seien sie viel häufiger arbeitslos als die Männer, die Hochqualifizierten wandern massenweise ab, zurück bleiben nur die Chancenlosen. Diese Ansicht bildet sogar die Folie für viele aktuelle Spielfilme. Dabei ist das völliger Unsinn: Mittlerweile sind in den neuen Ländern weniger Frauen arbeitslos als Männer. Hochqualifizierte emigrieren zum geringsten Teil. Frauen sind in den neuen Ländern offenbar sogar wirtschaftlich erfolgreicher als in den alten: Sie stellen in deutlich mehr Haushalten den Haupteinkommensbezieher (40 Prozent im Osten, 32 Prozent im Westen). All das sollte Anlass sein, einen frischen Blick zu riskieren: Schließlich ist das eigene Land bunter, als man denkt. Man würde erwarten, dass Wissenschaftler sich damit beschäftigen - Fehlanzeige, sieht man von Ausnahmen wie Klaus Schroeder vom Forschungsbereich SED-Staat der FU Berlin ab.

Schön, dass wir den Fall der Mauer feiern. Doch es wäre an der Zeit, sich auch mal intensiv mit der Gegenwart zu beschäftigen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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  • 40 Jahre bin ich der "alten" Republik aufgewachsen und habe Höhen und Tiefen des altäglichen Lebens erlebt. Seit ca. 18 Jahren lebe ich in der "gemeinsamen" Republik - in Mecklenburg Vorpommern. Während dieser Zeit habe ich ähnliche Entwicklungen erfahren wie in den Jahren zuvor. Sicherlich gab es Unterschiede, die mich auch auf die Palme bringen konnten. Aber eins habe ich dabei erfahren. Die vielzahl der Menschen, die es wollen, haben es verstanden, was es heist unter schwierigen bedingungen, und die waren nun mal da, ihre Existenzen aufzubauen und den Lebensstil anzupassen. Das dies selbstverständlich einen langen Prozess nach sich ziehen wird war doch eigentlich klar. Das System 1 zu 1 auf die bürger der damaligen DDR umzulegen, wer daran geglaubt hat sowie hüben als auch drüben, der irrte gewaltig.
    Die "Mauer" aus den Köpfen herauszubekommen, das schaffen die Menschen nur, wenn sie sich gegenseitig vertrauen und jeder einen Teil seiner "Geschichte" abgibt und vermittelt. Dazu ist nicht die Politik, die Wirtschaft oder andere gefragt. Die geben nur die Rahmenbedingungen vor. Sicherlich ist man mit den Entscheidungen, die vorgegeben werden nicht immer einverstanden - aber das hat die Demokratie nun mal so an sich.
    Es gibt keine "dummen" Ossis aber es gibt auch keine "voreingenommenen" Wessis.
    Aber es gibt in unserer Republik den Menschen, der es selbst in der Hand hat - die Mauer in den Köpfen zu löschen.

  • Allein der politische begriff „Aufbau Ost“ ist irreführend. Richtig müßte er „Aufbau Mitte“ heißen, denn die DDR bestand in Mitteldeutschland. Auf die bezeichnung „Ost“ haben unsere westlichen „Freunde“ großen Wert gelegt. „Wir würden ja Unrecht schaffen, wenn wir die derzeitige Westgrenze Polens in Zweifel ziehen würden“ so ein französischer Diplomat, der Francois Mitterand in dieser Zeit beriet. Die „Eiserne Lady“ hatte nach einem ersten Ausbruch von Sympathie ohnehin etwas gegen die Vereinigung, denn auch heute noch gibt es viele Engländer, die sich vor D fürchten, warum auch immer. Letztlich hat sie diese Furcht und ihr massives Eingreifen in den Grenzkonflikt zwischen Polen und Deutschland ihr Weltreich gekostet.

    Zum Thema
    Das noch verschiedene „Mauern“ in den Köpfen westlich und östlich der Elbe stehen, hat viele Gründe. Einer ist, daß die Mehrzahl der Westdeutschen keinen Kontakt in die DDR zu Verwandten oder bekannten hatte, für die war die DDR ein fremdes Land in das man noch nicht einmal ohne Schwierigkeiten und wenn, dann nur nach hochnotpeinlicher Durchsuchung reisen konnte. individualreisen waren nahezu ausgeschlossen. Und wer nie das Erlebnis hatte in berlin durch die Mauer zu gehen oder bei der Einreise in die DDR mit dem bus in einem Drahtkäfig zu stehen und zu zu sehen, wie der bus bis in den letzten Winkel durchsucht wird, der wird wenig Verständnis für das Gefühl vieler DDR-bürger entwickelt haben können, die in der Nacht des Mauerfalls an ein Wunder glaubten. ich habe mich darüber gefreut.
    Was dann folgte war der Realität geschuldet, denn fast jeder Arbeitsplatz im sozialistischen Alltag war mehrfach besetzt, es bestanden Firmen für die es keine Verwendung gab etc. Ein weiterer Punkt war das Verhalten der Mitteldeutschen ihren eigenen Waren gegenüber. Die waren nicht so nett verpackt wie die Westware, essen konnte man sie auch, aber fortan konnte nur noch Westware konsumiert werden. All dies führte zu großer Arbeitslosigkeit in weiten Teilen. Viele Firmen hatten dann, nach vollzogener Wende, Schwierigkeiten einen Abnehmer ihrer Waren zu finden, auch bei gleicher Qualität. So kam im Westen das Gefühl auf, der „Osten“ lebe auf Kosten des Westens, dies verfestigte sich im Laufe der Zeit bei vielen.
    Sicher ist bei dieser Vereinigerei eine Menge schief gegangen, wir waren wieder einmal Vorreiter, denn so etwas gab es bisher noch nicht auf der Welt. Fortschritte und Aufbau hat es dort gegeben, das habe ich selbst gesehen. Man fahre dorthin und sehe sich das vor Ort an, treffe die Menschen und rede mit ihnen. Sicher gibt es auch bereiche, in denen noch nicht der Stand erreicht ist, der wünschenswert ist und selbstverständlich gibt es dort auch Unzufriedene. Das die Westdeutschen die Neugierde auf die Mitte Deutschlands verloren haben sollen, kann ich nicht nachvollziehen, in den Gebieten, in denen ich unterwegs war, sind mir viele westdeutsche Autokennzeichen begegnet.
    bei berechtigter Kritik in bestimmten Fällen, müssen wir alle sehen, daß ein völlig heruntergewirtschaftetes Land, in dem die Menschen 40 Jahre lang im Sinne des Sozialismus erzogen wurden und agierten, nicht von heute auf morgen auf den neuesten Stand gebracht werden kann und alles schier läuft, auch nach 20 Jahren nicht, vielleicht in 20 Jahren. Packen wir es an auch wenn es manchmal im Getriebe knackt, das sind wir uns schuldig auch wenn sich in der Zwischenzeit manch einer an den Kopf fast und etwas unverständliches vor sich hinmurmelt.

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