Neue Regeln
Britische Banken müssen Kapitalanforderungen nicht fürchten

Die Nachwirkungen der Kreditkrise haben die Aufsichtsbehörden zu einer Reihe von Auflagen inspiriert. Sie sollen den volatilen Handel der Banken zügeln. Die britischen Institute werden wohl höhere Kapitalreserven vorhalten müssen, die aber zu verkraften sein werden. Solange die Bankenaufsicht jedoch noch fieberhaft an den neuen Regularien arbeitet, sollten Investoren vorsichtig bleiben.
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Die großen britischen Banken wirken verwundbar, auch wenn das Geschäft zurzeit nicht gerade schlecht geht. Im Gegenteil, Royal Bank of Scotland, HSBC und Barclays werden voraussichtlich alle hervorragende Zwischenergebnisse aus einem wieder boomenden Investmentgeschäft vorlegen. Aber genau dieses Geschäftsfeld will die Bankenaufsicht an die Kette legen.

Das Problem - wie es Basel-Ausschuss, Europäische Kommission und britische Finanzdienstleistungsaufsicht jetzt diagnostiziert haben - liegt darin, dass die alten Rechnungen, mit wie viel Kapital solche Transaktionen unterlegt sein müssen, nicht mehr aufgehen. Die Risikokennziffern - oder der Value at Risk (VaR) - sagen nichts darüber aus, wie hoch die Verluste ausfallen oder wie häufig sie auftreten können.

Nach der Auffassung der Regulierer gibt es drei Möglichkeiten, hier Abhilfe zu schaffen. Die VaR-Berechnungen könnten auf der Grundlage eines Stressszenarios erfolgen, anstelle der sonst üblichen Kalkulation auf Basis florierender Märkte. Der Risikopuffer für verbriefte Vermögenswerte könnte erhöht werden und im Falle von Zahlungsausfällen und Rating-Herabstufungen könnten spezielle, gestaffelte Risikozuschläge (incremental risk charge, IRC) erhoben werden.

Eine einfache Rechnung zeigt, dass die Banken also mehr Kapital brauchen. Nach der Meinung von Adair Turner, dem Chef der britischen Finanzaufsicht, sollte die Kapitalbasis der Banken im Handelsgeschäft verdreifacht werden, um sie gegen Marktrisiken abzusichern. Für Barclays würde das bedeuten, aus gegenwärtig 65 Milliarden Pfund risikogewichteter Vermögenswerte müssten 196 Milliarden werden- und die Tier 1 Kernkapitalquote würde nach Berechnungen von Credit Suisse von 6,4 Prozent auf 4,4 Prozent fallen.

Aber so einfach ist es nicht. Der VaR wird nur herangezogen, um die Kapitalerfordernisse für ein Drittel der von Barclays gehandelten Vermögenswerte zu berechnen. Für den Rest gelten schon sehr viel strengere Regeln. Der Effekt der Turner-Forderung nach einer Verdreifachung der Kapitalbasis wäre dementsprechend deutlich geringer - wenn man davon ausgeht, dass die Verschärfung nur für die VaR-Kalkulationen gelten soll. Ähnlich sieht es auch bei HSBC (33% nach VaR bewertet) und RBS (43% VaR) aus.

Strengere Kapitalanforderungen dürften nach Angaben von JPMorgen den Wert der risikogewichteten Vermögenswerte - und damit auch den Wert der erforderlichen Kapitalreserven - bei HSBC und Barclays um 5 beziehungsweise 28 Prozent erhöhen. Bei der Investmentbank RBS, die einen Teil ihrer Vermögenswerte in das staatliche britische Vermögenssicherungsprogramm gesteckt hat, dürfte der Wert der risikogewichteten Positionen dagegen um 6 Prozent fallen.

Sollten diese Überlegungen in die richtige Richtung gehen, dann werden die Handelsaktivitäten der Banken zwar weniger, aber immer noch gesunde Gewinne abwerfen. Allerdings bleiben noch zu viele Fragen offen, als dass sich Anleger schon heute beruhigt zurücklehnen könnten - so gibt es zum Beispiel noch keine allgemeine Erwartung darüber, wie hoch der Risikozuschlag ausfallen könnte. Es könnte immer noch sein, dass die Aufsichtsbehörden zu dem Schluss kommen, dass Wertpapierhandel in großem Stil nicht wirklich Aufgabe dieser Institutionen sein sollte - und entsprechend restriktive Kapitalanforderungen stellen. Anleger sind also gut beraten, Basel und Brüssel im Auge zu behalten.

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