Neue Schulden bei der Fed – für AIG-Aktionäre bleibt nicht mehr viel
AIG braucht eine Versicherung

AIG kehrt an die Zapfsäule der Zentralbank zurück und tankt noch einmal 38 Milliarden Dollar nach. Das dürfte reichen, um über den nächsten Tag zu kommen. Aber nach einer Breaking-Views-Analyse könnten die neuen Schulden - zusätzlich zum 85-Milliarden-Dollar-Kredit, den die Versicherung mit den Erlösen aus dem Verkauf von Vermögensbestandteilen zu tilgen hofft - den noch verbliebenen Unternehmenswert ausradieren.

Wäre American International Group bei sich selbst Kunde, hätte das Unternehmen gegenwärtig wohl Probleme, eine Lebensversicherung abzuschließen. Die Versicherung musste sich bei der Federal Reserve Kreditzusagen über 85 Milliarden Dollar sichern, um gerettet zu werden. Sie versprach das Darlehen über den Verkauf von Vermögenswerten zurückzuzahlen und räumte der Fed das Recht auf eine 80-prozentige Unternehmensbeteiligung ein. Jetzt klopfte AIG erneut an die Tür der Zentralbank und bat um weitere 38 Milliarden. Der Bittgang unterstreicht, wie wenig den Aktionären noch bleibt.

Da ist zunächst die Trennung vom Tafelsilber. Die Schmuckstücke der Auktion werden wahrscheinlich AIGs ausländische Lebens- und Rentenversicherungsgeschäfte sein. Zwar hieß es, man werde Anteile an diesen Sparten behalten, aber gesetzt den Fall, es kommen Käufer, die das komplette Geschäft übernehmen wollen, so könnte das rund 50 Milliarden Dollar in die leeren Kassen spülen. Diese Zahl ergibt sich, wenn man die Sparten zum Zehnfachen des Gewinns nach Steuern bewertet, der im laufenden Jahr erwartet wird. AIGs amerikanisches Lebens- und Rentenversicherungsgeschäft dürfte rund 20 Milliarden Dollar wert sein, wenn man das Achtfache der für 2009 erwarteten Gewinne als realistischen Bewertungsansatz sieht. Der Multiplikator ist geringer als im Auslandsgeschäft, aber immer noch deutlich höher als gegenwärtig beim Konkurrenten MetLife. Dann gibt es noch das bedeutsame Flugzeugleasing, das bei AIG mit 7,5 Milliarden Dollar zu Buche steht. Weitere 10 Milliarden Dollar könnten mit dem Verkauf anderer Vermögenspositionen, wie zum Beispiel dem Anteil an Blackstone und einigen Immobilienwerten, erzielt werden. Alles in allem könnte AIG damit 87,5 Milliarden Dollar flüssig machen.

Noch am vergangenen Mittwoch hatte AIG bei der Fed lediglich 61 Milliarden Dollar in Anspruch genommen. Addiert man den neuen Kredit hinzu, steigt die Summe auf 99 Milliarden - und damit deutlich über den zu erwartenden Zufluss aus dem Verkauf der Aktiven, selbst wenn man hier optimistisch rechnet. Und es liegt die Vermutung nahe, dass AIG erst gar nicht um einen Nachschlag gebeten hätte, wenn die ursprüngliche 85-Milliarden-Dollar-Linie nicht schon ausgeschöpft wäre. Damit schuldet AIG der Fed mit größerer Wahrscheinlichkeit sogar 123 Milliarden Euro.

Natürlich bliebe AIG noch das Sach- und Haftpflichtgeschäft mit einem Wert von 37 Milliarden Dollar, wenn man den neunfachen Gewinn - im Vergleich zum sechsfachen, zu dem Travelers Companies gehandelt werden, - als realistisch ansieht. Wenn sich die Lage auf den Kreditmärkten verbessert und AIG in bescheidenem Umfang neue Kredite auf dieses Geschäft aufnehmen kann, könnten das weitere Mittelzuflüsse ermöglichen. Wenn nicht, könnte die Versicherung gezwungen sein auch das Sach- und Haftpflichtgeschäft zu verkaufen. Nach der Tilgung der Fed-Schulden blieben ihr also noch rund 1,5 Milliarden Dollar an Barmitteln.

Im Besitz von AIG befänden sich dann auch noch die Finanzwerte, die den ganzen Ärger verursacht haben. Sie wurden bereits in großem Stil wertberichtigt, aber die Märkte befinden sich noch immer auf Talfahrt. Dreht sich die Stimmung oder kommt das US-Rettungsprogramm könnte ihr Wert wieder zulegen. Aber augenblicklich finden die Eigentümer der 13 Milliarden Aktien des Unternehmens kaum noch etwas, an das sie ihre Hoffnungen knüpfen könnten.

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