Nobelpreis
Nobelpreis folgt dem Zeitgeist

Die Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises folgt dem gegen die Märkte gerichteten Zeitgeist. Elinor Ostrom erforscht das kollektive und traditionelle Management von Ressourcen und Oliver Williamson zeigt, warum viele Transaktionen eher innerhalb als zwischen Organisationen stattfinden. Das Interesse an Entscheidungen, die außerhalb des konventionellen Marktes getroffen werden wächst.
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Die Verleihung des diesjährigen Nobelpreises für Wirtschaft folgt dem derzeitigen gegen die Märkte gerichteten Zeitgeist. Elinor Ostrom erforscht das kollektive und traditionelle Management von Ressourcen und Oliver Williamson zeigt, warum viele Transaktionen eher innerhalb als zwischen Organisationen stattfinden. Die beiden Würdenträger haben zwar unterschiedliche Arbeiten abgeliefert, die jedoch durch ein gemeinsames Leitthema verbunden sind: das Interesse an Entscheidungen, die außerhalb des konventionellen Markts getroffen werden.

Williamson hat untersucht, warum einige Firmen ihre Zulieferer ganz übernehmen, während andere Unternehmen eine solche vertikale Integration zugunsten von Marktbeziehungen meiden. Eine seiner Antworten besteht darin, dass Strukturen abseits der Märkte gewählt werden, wenn Zulieferer und Kunden aufeinander angewiesen sind und kaum auf Alternativen zurückgreifen können.

Seine Denkweise richtet sich nicht naiv gegen die Märkte. Williamson liefert sowohl theoretische als auch praktische Beispiele dafür, um zu zeigen, dass die Märkte allgemein am besten dafür geeignet sind, um ökonomische Beziehungen zu organisieren, wenn es genug Wettbewerb gibt. Aber seine Ansichten sind von dem Marktfundamentalismus weit entfernt, der von den begeisterten Anhängern der Finanzmarktderegulierung während des Kreditbooms oft unterstützt worden war.

Was Ostrom angeht, so basiert ihre Hauptthese darauf, dass das traditionelle "gemeinschaftliche" Management von Ressourcen mehr Erfolg haben kann als entweder die rein private Verwaltung oder die absolutistische Staatskontrolle. Ostroms detaillierte Studien über das Ressourcen-Management von der Mongolei bis nach Kalifornien belegen, dass Einheimische oftmals mehr wissen als räumlich entfernte Bürokraten, selbst wenn diese die besten Absichten hegen. Die erste weibliche Trägerin des Wirtschaftsnobelpreises zeigt zudem die Vorteile der Zusammenarbeit bei der Aufstellung und Umsetzung von Richtlinien auf.

Ihre Arbeit stellt keinen Direktangriff auf Marktarrangements dar, aber sie unterstreicht den Wert anderer Erwägungen. Der Ansatz von Ostrom unterscheidet sich von dem der meisten Wirtschaftshistoriker und Entwicklungstheoretiker, die die Bedeutung eindeutiger Eigentumsrechte für die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums hervorheben - von den britischen Einhegungsbewegungen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert bis hin zu den Elendsvierteln im zeitgenössischen Lateinamerika.

Die beiden Gewinner sind nicht so gut bekannt und weniger streitlustig als der Preisträger des vergangenen Jahres, der Zeitungskolumnist Paul Krugman. Aber über jene Verleihung war entschieden worden, bevor die Krise den Ruf so vieler konventioneller Volkswirte, die den "freien Markt" propagierten, ruinierte. Das Urteil gegen die freien Märkte ist ungerecht. Regierungsmaßnahmen, von niedrigen Leitzinsen bis hin zu kontrollierten Wechselkursen, haben in der Krise schließlich auch eine bedeutende Rolle gespielt. Aber die schwedische Riksbank, die den Wirtschaftsnobelpreis vergibt, könnte im Sinn gehabt haben, etwas unkonventionellere Denkansätze ins Rampenlicht zu rücken.

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