Ökonom Samuelson
Bestseller mit Mängeln

Der Tod des Nobelpreisträgers Paul Samuelson markiert noch nicht das Ende eines Zeitalters. Sein Lehrbuch machte ihn zum einflussreichsten Ökonomen dieser Generation und seine Synthese aus Keynesianismus und Neoklassik wurde zur Quelle der Inspiration für die aktuelle Politik. Aber sein Ansatz verschleiert die Risiken keynesianischer Exzesse.
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Paul Samuelsons ökonomische Halbwahrheiten behielten immer ihren Einfluss. Sein Lehrbuch trug dazu bei, ihn zum einflussreichsten Volkswirten seiner Generation zu machen. Seine Synthese aus Keynesianismus und Neoklassik inspiriert die Politik noch heute. Sein Ansatz allerdings beschönigt die Risiken, die mit keynesianischen Exzessen verbunden sind.

John Maynard Keynes vertrat die Meinung, dass Wirtschaft und Politik in der Regel sklavische Anhänger eines längst verstorbenen Wirtschaftstheoretikers seien. Samuelson gewann allerdings schon erheblichen Einfluss über die Praktiker, bevor er vergangenen Sonntag starb. Seine "Volkswirtschaftslehre" wurde zum Bestseller unter den ökonomischen Lehrwerken und gewann seit ihrer Erstveröffentlichung im Jahr 1948 erheblichen Einfluss auf Politiker und Geschäftsleute.

Samuelson steuerte wichtige Details zum Keynesianischen Wirtschaftsmodell bei. Insbesondere übertrug er die Prinzipien Le Chateliers aus der Thermodynamik auf die Volkswirtschaftstheorie, um zu zeigen, dass ökonomische Systeme dazu tendieren, in ihrem Zustand zu verharren. Er entwickelte viele volkswirtschaftliche Ansätze weiter und gehörte zu denjenigen, die die Ökonomie sehr viel mathematischer machten. Der zweite Nobelpreis für Wirtschaft ging 1970 mit Sicherheit zu Recht an ihn.

Samuelson war weitaus mehr als nur ein begnadeter Techniker. Sein Lehrbuch diente dazu, die Keynesianische Theorie hoffähig zu machen, nach der der Staat Konjunkturabschwünge dämpfen kann, ohne signifikante gegenläufige Reaktionen hervorzurufen.

Spätere Auflagen, die nach 1970 veröffentlicht wurden, vertraten eine etwas gemäßigtere Sichtweise. Aber die Leichtigkeit mit der viele Samuelson-geschulte Politiker in der Rezession von 2007/2008 riesige Haushaltsdefizite auftürmten, lässt vermuten, dass die früheren Auflagen hier größeren Einfluss hatten.

Samuelsons Ansatz hatte drei Schwachstellen. Erstens unterschätzte er die inflationären Effekte des wiederholten keynesianischen Defizit-Spendings in den 60er-Jahren. Die 1970er waren daraufhin durch wirtschaftliche Stagnation und relativ hohe Inflationsraten gekennzeichnet. Zweitens, seine Anleitung schenkte den möglichen gegenläufigen Wachstumseffekten kaum Beachtung, die mittelfristig daraus entstehen können, dass der Staat über den Kapitalmarkt Liquidität entzieht, die dann an anderer Stelle - insbesondere in kleineren Unternehmen - fehlt.

Und schließlich war sein Ansatz zu sehr auf Mathematik fixiert. Samuelson schenkte dem Einfluss der Geldpolitik auf die realen wirtschaftlichen Aktivitäten kaum Beachtung. Sein Buch konnte weder die Ursachen der Großen Depression plausibel erklären, noch enthielt es eine angemessene Warnung vor der exzessiven Geldschöpfung, die in der Regel mit der keynesianischen Konjunkturstimulanz einhergeht.

Samuelson war ein großer Ökonom und ein bewundernswerter Mensch. Aber sein Buch hat erheblichen Schaden angerichtet.

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