Ökonomie
Kein Sinneswandel trotz Krise

Als das weltweite Finanzsystem auf der Kippe stand, forderten viele Banker, Volkswirte und Politiker neue Denkansätze. Aber die alten Denkmuster sind hartnäckig. Fast überall haben sie inzwischen wieder die Oberhand gewonnen, ob es nun um Wirtschaftsprobleme, Strategien - oder sogar um Bonuszahlungen - geht.
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Noch vor Finanzkrise und Rezession vertraten viele Kommentatoren die Auffassung, dass monetäre Exzesse irgendwann vom Finanzsystem auf die Verbraucherpreise durchschlagen. Vielleicht nicht sofort, aber eben nach und nach. Trotz einer Reihe von deflationären Nachrichten besteht immer noch die Gefahr einer Inflation.

Zumindest mit der Konsistenz seiner Sicht steht der Nachrichtenlieferant nicht allein. Unter den Volkswirten warnen fast alle, die schon vor der Krise über Inflationsgefahren besorgt waren, auch weiterhin vor Preissteigerungstendenzen und das vorher deflationistische Lager sieht sich in seinen Deflationssorgen sogar eher noch bestärkt. Die alten Federal-Reserve-Anhänger glauben, die US-Zentralbank habe einen hervorragenden Job geleistet, während die früheren Kritiker davon überzeugt sind, dass die Institution noch immer nichts über die Entstehung von Blasen gelernt hat. Die traditionellen Wachstumsoptimisten erwarten eine deutlich V-förmige Erholung. Die Skeptiker geben widerwillig zu, dass die Wirtschaft aktuell wieder etwas stabiler ist oder sogar wieder leicht wächst, sind aber davon überzeugt, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein kann.

Und nicht nur die Volkswirte bleiben ihrem Kurs treu. Goldman Sachs und viele ihrer Konsorten - sogar Banken, die staatliche Hilfen in Anspruch nehmen mussten - glauben weiter an hohe Renditen und Finanzinnovationen, vielleicht mit ein paar zusätzlichen Auflagen.

Die Krise kodifizierte den Glauben unter europäischen und japanischen Politikern, das Kapitalismus nach angelsächsischem Muster kein gutes Wirtschaftsmodell ist. Aber die Anhänger freier Märkte sehen in der jüngsten Entwicklung nicht mehr als eine staatlich verursachte Panne in einem ansonsten hervorragenden System.

In den US-Aufsichtsbehörden dominieren Revierkämpfe die Tagesordnung, wie auch schon zuzeiten des Booms. In Großbritannien haben die lautstarken Forderungen der staatlichen Finanzaufsicht nach Reformen immerhin zu dezenten Anpassungen geführt, wie die jüngsten Rückzieher bei den Bonuszahlungen der Banken zeigen.

Die Zentralbanker haben ihre alten Regeln zur Stützung des Finanzsystems über Bord geworfen, bleiben aber nach wie vor fast ausnahmslos den alten Paradigmen verhaftet - Inflationsziele mit bestenfalls einem Seitenblick auf die Preisentwicklung an den Märkten für Vermögenswerte.

Als das weltweite Finanzsystem auf der Kippe stand, forderten viele Banker, Volkswirte und Politiker neue Denkansätze. Aber ihre Fehler zuzugeben und eine neue Sicht auf die Welt zu entwickeln, fällt ihnen schwer. Wenn neue Erkenntnisse alte Vorstellungen infrage stellen, besteht die erste Reaktion meist darin, die neuen Entwicklungen wegzudiskutieren. Nicht jedoch bei Breakingviews.com - selbst wenn die Deflation jetzt tatsächlich nur die Grundlage für einen späteren Anstieg der Inflation ausbilden sollte.

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