O'Neals Abgang
Scheitern im Preis inbegriffen

Für einen Mann, der ohne Abfindungspaket geht, dürfte Stan O’Neal nicht allzu traurig sein. Der ehemalige Merrill-Lynch-Chef geht mit einem Vergütungspaket von 160 Millionen Dollar. Für die Aktionäre ist das ein Schlag ins Gesicht.

Für einen Mann, der ohne Abfindungspaket geht, dürfte Stan O’Neal nicht allzu traurig sein. Obwohl er als Manager Wertberichtigungen auf Hypothekendarlehen und Finanzprodukte in Höhe von rund 8,4 Milliarden Dollar sowie den größten Verlust in der Firmengeschichte zu verantworten hat, kann der geschasste Merrill-Lynch-Boss seine Bezüge – überwiegend Aktien – im Wert von 160 Millionen Dollar behalten. Hätte man ihm den „Ruhestand“ verwehrt, hätte er wohl auf rund 100 Millionen verzichten müssen – den Teil, auf den seine Anwartschaft bisher noch nicht rechtskräftig ist.

Es könnte aber auch Stimmen geben, die das üppige Polster für angemessen halten. Schließlich führte O’Neal das Unternehmen nahezu fünf Jahre lang an – zuvor war er 18 Monate lang die Nummer zwei. Seine Bezüge stammen aus dieser Zeit. Aber ein wesentlicher Grund dafür, dass Prämien in der Form von Aktien erst nach einer zeitlichen Verzögerung verwertet werden dürfen, besteht in der Anreizwirkung, sich an der langfristigen Entwicklung des Unternehmens zu orientieren. Ein Multi-Milliarden-Dollar-Verlust in einem Geschäftsbereich, der selbst auf seinem Höhepunkt weniger als zwei Prozent zum unternehmensweiten Umsatz beigetragen hat, passt da nicht so recht ins Bild.

Nach einer solchen Vorstellung können Angestellte sicher sein, dass ihnen die Tür gewiesen wird. Und sie dürften froh sein, wenn sie auf ihrem Weg zum Ausgang noch nach ihrem Mantel greifen können. Aber in der exklusiven Welt der amerikanischen Konzernchefs rechtfertigt man solche Pufferzahlungen anders. O’Neals kleiner unverhoffter Gewinn entspricht 20 Cent pro Aktie. Zynisch könnte man interpretieren, er darf eine Managementgebühr von zwei Prozent für Abschreibungen in Höhe von 8,4 Milliarden Dollar behalten. Und obendrauf erhält er für bis zu drei Jahre ein eigenes Büro innerhalb des Unternehmens sowie einen persönlichen Assistenten – nur für den Fall, dass die finanzielle Belastung für ihn allein zu hoch werden könnte.

Zugegeben, die Details seines Vertrags könnten es für den Aufsichtsrat schwierig gemacht haben, ihn zu feuern. Und andere Vorsitzende vor ihm haben sich schließlich auch nicht anders verhalten, ganz ohne Gewissensbisse. Aber wie immer man es auch dreht und wendet, die Belohnung für den Fehlschlag ist generös – und steht in keinem Verhältnis zur Verantwortung des früheren Merrill-Chefs für die in der vergangenen Woche bekanntgegebenen Verluste. Für die Aktionäre, die seit Januar mehr als 25 Milliarden Dollar, etwa ein Drittel der Merrill-Marktkapitalisierung, verloren haben, ist es ein Schlag ins Gesicht.

Es stimmt zwar, dass Aktionäre, die ihre Aktien am Tag des Amtsantritts O’Neals gekauft haben, heute mit einem Gesamtgewinn von 60 Prozent dastehen. Mit Lehman-Brothers-Anteilen hätten sie ihr Geld allerdings verdoppelt, mit Goldman Sachs sogar verdreifacht. Und der richtige Schlag: Selbst der S&P 500 schnitt um ein Drittel besser ab als O’Neals Merrill Lynch. Aua!

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