Ordnungspolitischer Einspruch
Das Ende der Welt?

Ist es eigentlich eine Gottesgabe, wenn man sich mit einfachen, schlichten Wahrheiten gut zurechtfindet und damit sein Weltbild zimmert? Man gewinnt zumindest diesen Eindruck, wenn man die Reaktionen auf die Eskalation der Finanzmarktkrise und ihre politische Antwort betrachtet. Diese Reaktionen jedoch, sind fatal.
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Alles ist ganz klar, ganz eindeutig - in den Ursachen wie den Konsequenzen. Die Finanzwelt sei völlig unreguliert, eine Sphäre der Anarchie, eine Welt der nackten Gier. Die Märkte seien unberechenbar und neigten zur krisenhaften Verfehlung. Der Kapitalismus unterzeichne mit dem Hilfspaket der US-amerikanischen Regierung seine Bankrotterklärung.

Geraume Zeit war die Kritik an der marktwirtschaftlichen Ordnung durch das offenkundige Fehlverhalten einzelner Personen getrieben. Die Krise an den Finanzmärkten hat diese latente Kritik durch grundlegende Zweifel an der Funktionsfähigkeit der Wirtschaftsordnung auf eine prinzipielle Ebene verlagert. Das eher zufällige Versagen von Menschen ist durch die Unterstellung strukturellen Systemversagens zu einer existenziellen Frage geworden, die für viele klar zu beantworten ist: Die Steuerung eines Wirtschaftssystems im Wettbewerb über Märkte sei des Teufels.

Solche Reaktionen sind fatal, weil sie keinen Raum für Differenzierung und sachliche Analyse belassen. Allerdings aber bieten sie den Anlass für eine öffentliche Debatte, die zu führen höchst bedeutsam ist. In der Krise wird vieles auf den Punkt gebracht, was ansonsten lediglich latent im Hintergrund verbleibt und dennoch seine Wirkungen fundamental entfaltet. Die nicht selten unbewusst verankerte Aversion gegen die marktwirtschaftliche Ordnung wirkt in diesem Sinne. Die Kritik hat ehrliche Antworten und Klarstellungen verdient.

Klarstellung eins: Ja, es gibt Versager und Versagen in der Marktwirtschaft. Dieser Tatbestand scheint viele zu überraschen. Doch der Vorzug dieser Wirtschaftsordnung liegt nicht darin, das Böse und Schlechte, die Untugend zu verbannen. Er liegt vielmehr darin, durch offene Strukturen und effektiven Wettbewerb solchen Strategien so wenig Freiraum wie möglich zu lassen. Die Marktwirtschaft ist ein System wiederholter Spiele - man sieht sich öfters im Leben -, das nur funktioniert, wenn die Kosten des Vertrauens prinzipiell geringer sind als die Kosten des Misstrauens.

Klarstellung zwei: Der Eigennutz hat unter den Bedingungen offener, wettbewerbsintensiver und damit gegenüber Übertreibungen in Form der Gier wirksamer Märkte eine moralische Qualität. Er treibt den wirtschaftlichen Strukturwandel über neue Ideen und veränderte Präferenzen, er sichert so Wohlstand und Beschäftigung. Andernfalls wären die Menschen nicht von der Leistungsbereitschaft und dem Leistungswillen, sondern von der barmherzigen Gabe der anderen abhängig. Dem respektvollen Umgang im Miteinander wäre dies keineswegs förderlich.

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