Ordnungspolitischer Einspruch: Die große Erzählung wagen

Ordnungspolitischer Einspruch
Die große Erzählung wagen

Mit konjunkturpolitischen Maßnahmen versucht Deutschland den Weg aus der Krise zu finden. Das allein reicht jedoch nicht aus. Genauso wichtig ist auch, sich wieder neu auf gemeinsame Werte zu besinnnen. 2009 bietet hierfür die einmalige Gelegenheit. Wie dieses neue Wir-Gefühl entstehen kann, wird derzeit besonders deutlich am Beispiel der USA.
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KÖLN. Immer wieder sehnen sich die Menschen nach Visionen, die Hoffnung geben, und nach umfassenden Versprechen, die glaubwürdig erscheinen. Der Bedarf an einer großen Erzählung, die dies bietet und von der Mühsal des Alltags ablenkt, manifestiert sich von Zeit zu Zeit in vielen Gesellschaften. Das Erleben gemeinsamer Anstrengung oder die Erinnerung an die Grundlagen der Gemeinschaft bieten den Stoff für solche Erzählungen. Die Inauguration von Barack Obama als 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika steht dafür mehr als symbolhaft.

Es ist beachtlich, dass dieses Ereignis weit über die USA hinaus auf solche Weise Wirkung entfaltet. Eine Weltmacht muss offenkundig auch für andere Nationen große Erzählungen bieten, hinter denen man sich versammeln kann. Die Euphorie über den neuen Präsidenten scheint das mitunter unbestimmte Gefühl, dass sich die politische Realität in den USA nicht mehr mit den Traditionen und Werten zusammenfügte, ebenso zu reflektieren wie die häufig konkrete Erfahrung der letzten Jahre, wie die Politik an Vertrauen und Glaubwürdigkeit einbüßte.

Tatsächlich ist die Gründungsgeschichte der USA faszinierend, weil sie für jeden Einzelnen den Neubeginn als etwas Selbstverständliches und damit als Herausforderung wie auch als reale Chance beschreibt. Dies wird beispielhaft vom Ökonomen George Stigler in seinen Memoiren geschildert, indem er die Ausgangsbedingungen seines Lebens skizziert: eine Einwandererfamilie, die Mutter aus Ungarn und der Vater aus Deutschland, die mit abwechslungsreicher Erwerbsbiografie und „nomadenhafter Existenz“ zu ökonomischem Erfolg gelangt war.

Stigler verweist auf die Forschungsergebnisse zum ökonomischen Erfolg von Zuwanderern in den Vereinigten Staaten, die in der Regel nach rund zehn Jahren ein im Vergleich zur gleichaltrigen einheimischen Bevölkerung höheres Einkommen erzielen, nicht zuletzt, weil sie außergewöhnlich gesund, risikobereit und voller Tatendrang sind. Eine Gesellschaft, die diese Erinnerung nicht vereinzelt, sondern als große Erzählung quasi im kollektiven Bestand hat, erträgt Veränderungen und Herausforderungen leichter, weil die Erfahrung des Neuen und des Anderen positiv wirkt.

An den Finanzmärkten scheint dies jedoch nicht zu gelten. Noch nie sind die Börsen in den USA am Tag der Amtseinführung eines neuen Präsidenten so stark eingebrochen wie an diesem Dienstag. Die Börsenversteher deuten dies als Enttäuschung über die mangelnde Konkretion der wirtschaftspolitischen Vorhaben des neuen Präsidenten. Eine solche Erwartung zeugt von grandioser Naivität – eine „inaugural address“ dient nicht der Verkündung konkreter Politiklösungen. In jedem Fall macht es deutlich, dass den Akteuren an den Finanzmärkten der Blick auf das Bedeutsame verstellt ist.

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