Ordnungspolitischer Einspruch
Die Verantwortung der Ökonomen

Der Generalverriss, den die Volkswirtschaftslehre derzeit erfahren muss, ist verständlich. Dennoch vekennen die Kritiker die unterschiedlichen Strömungen in der Ökonomie und ihren Anteil an der Verantwortung. Der Verlust an ordnungspolitischer Reflexion ist gerade jetzt besonders schmerzlich, verbaut er doch die Chance, in einem breiten Diskurs die Ursachen der Krise insgesamt zu werten.
  • 0

KÖLN. Ein Wechsel im Amt des Bundeswirtschaftsministers führt zu besonderen öffentlichen Reaktionen. Unabhängig von den betroffenen Personen wird entweder die Fragwürdigkeit dieses Ministeriums erörtert oder dessen besondere Funktion im Reigen der Bundesressorts beschworen. Klagen, wonach die Führung dieses Hauses nicht mehr mit ordnungspolitisch versierten und profilierten Köpfen besetzt worden sei, gibt es seit langem.

Immer noch überstrahlt die Vergangenheit mit Ludwig Erhard und Karl Schiller, aber auch mit Otto Graf Lambsdorff die Gegenwart. Dies stellt weniger die nachfolgenden Minister in den Schatten als vielmehr die gesamte politische Klasse, die den Funktionskern des Ministeriums – seine prinzipielle Unbequemlichkeit – nicht mehr anerkennen will oder reaktivieren kann. So oder so, ein bedenklicher Befund.

Nun ist es weder fair noch angemessen, sich als Ökonom außerhalb der Verantwortung zu sehen. Denn einerseits hilft es wenig, wenn der berechtigte Befund nur in eine Klage überführt wird, und andererseits sollte nicht verkannt werden, welchen Anteil die Volkswirtschaftslehre an der ordnungspolitischen Sprachlosigkeit hat. Die Arbeit an der Konzeption der marktwirtschaftlichen Ordnung gehört kaum noch zum Lehr- und Forschungskanon der deutschen Fakultäten. Im Lichte US-amerikanischer Entwicklungen erschien vielen vieles davon obsolet.

Es ist nicht unähnlich der Entwicklung in der Bankenwelt, die sich dem Dogma des Investment-Bankings beugte und verschrieb. Ebenso unkritisch wie unreflektiert wurden und werden in der Ökonomie Trends aus den USA übernommen, überhöht und verengt. Im Mittelpunkt steht die Wahl der richtigen, d. h. mathematisch-formalen Methode und nicht mehr das Streben nach politischer und öffentlicher Relevanz in den Forschungsergebnissen. Man fühlt sich an den Methodenstreit in der Ökonomik vor 100 Jahren erinnert. Eigentlich dachten wir, das überwunden zu haben.

Seite 1:

Die Verantwortung der Ökonomen

Seite 2:

Kommentare zu " Ordnungspolitischer Einspruch: Die Verantwortung der Ökonomen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%