Ordnungspolitischer Einspruch
Drama mit großem Finale

Die Funktionsfähigkeit des Bankensystems wird trotz des Ablebens einzelner Institute erhalten bleiben. Die Wirtschaftspolitik sollte die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen im Blick haben – vor übereilten Regulierungsversuchen muss die Selbstheilung der Finanzmärkte erprobt werden.
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HB. Von einer gewaltigen Schockwelle sind zu Beginn der Woche die Finanzmärkte erfasst worden. Was vor gut einem Jahr begann, erweist sich immer mehr als großes Drama in (mindestens) fünf Akten. Haben wir soeben mit dem dritten Akt zugleich den Höhepunkt wie die Wendung der Handlung erlebt oder bereits den fünften Akt mit dem Schlusspunkt? Die Peripetie als unerwartete, doch angelegte Wendung vom Glück ins Unglück wurde im vergangenen Sommer aufgeführt, als die Krise aufbrach. Nun wird der fünfte Akt gegeben, der das Drama entweder in die Katastrophe oder aber zur Lösung aller Konflikte führt.

Ob Lösung oder Katastrophe – nach dem Erleben dieser Tage fällt die Prognose schwer. Eines jedoch kann erwartet werden: Die Funktionsfähigkeit des Bankensystem wird trotz des Verschwindens einzelner Institute durch die Notenbanken abgesichert werden. Die Lehren früherer Krisen sind eindeutig. Daher haben die Notenbanken in dieser Woche weltweit in großem Umfang Liquidität bereitgestellt und die Kriterien für die Geldbeschaffung gelockert. Allein die EZB hat zig Milliarden Euro in die Märkte geschleust. Die Fed hat ähnlich hohe Beträge bereitgestellt und daneben die Kreditlinien für die Finanzinstitute ausgeweitet.

Jede Krise ist immer auch eine Chance. Der Umsturz bestehender Strukturen schafft Raum für Neues – im Denken wie im Handeln. Aufgestauter Anpassungsbedarf kann meist nur unter Zuspitzungen aufgelöst werden. So enttarnt eine Krise den Versuch als nicht tragfähig, Entwicklungen bis zum Exzess linear fortzuschreiben, ebenso wie das Denken in Einbahnstraßen. Denn was ist anderes an den Finanzmärkten passiert, als einseitig bestimmte Innovationen und Strukturen zu forcieren. Dass es auch anders gehen kann, wurde nicht nur ausgeblendet, sondern als Häresie verurteilt. Allein in der Finanzintermediation über Märkte lag angeblich das Heil.

Die Neuordnung unter den Finanzinstituten gleicht bisher freilich eher einem Trümmerfeld, die künftige Struktur ist nur in Andeutungen zu erkennen. Wir müssen wieder lernen, frei und ohne Geländer zu denken.

Banken brauchen einen festen Anker im heimischen Markt, das klassische Geschäft mit Privatkunden und Unternehmen wird seine Bedeutung sichern. Jeweils steht das hohe Gut Vertrauen im Mittelpunkt, das eine Anonymisierung nur in Grenzen verträgt. Zugleich werden wir bescheidener werden müssen in den Ansprüchen an Finanzinnovationen und Finanzmärkte. Standardisierung, Einfachheit und Transparenz lauten die Stichworte.

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