Ordnungspolitischer Einspruch
Im Schlafwagen der Konjunktur

Die Frühjahrsprognose-Saison hat ihren Höhepunkt erreicht. In auffälliger Eintracht wird von deutschen Instituten ein - wenn auch abgeschwächter - Fortgang des Konjunkturaufschwungs in Deutschland für 2008 und 2009 vorhergesagt. Bislang hat sich die deutsche Wirtschaft nicht in den Strudel der Finanzkrise ziehen lassen.

Eine Rezession ist hierzulande wenig wahrscheinlich. Die Stimmung bei den Unternehmen zeigt sich - wie in der Frühjahrsumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln - trotz sinkender Gewinne bei allen Schwankungen als stabil. Die strukturelle Anfälligkeit gegenüber weltwirtschaftlichen Verwerfungen hat die deutsche Wirtschaft offenkundig abgelegt.

Eindrucksvoll ist das Stimmungsbild der Hannover Messe. Deutschland hat - angesichts industrieller Euphorie - offenbar wieder zu sich selbst gefunden. Das Industrieland blüht, die Beschäftigung steigt. Die Risiken der Entwicklung liegen weniger in einem absehbaren Einbruch der Nachfrage als vielmehr in Kapazitätsproblemen - bei Fachkräften wie Grundstoffen. Die Erfolge im Strukturwandel zahlen sich im Konjunkturaufschwung aus. Qualitätsversprechen, Innovationskraft und Kundendifferenzierung lauten dafür die Stichworte.

Vor dieser Kulisse scheint das Feuerwerk der Finanzmärkte langsam zu verglimmen. Dabei sind die Wallungen an den Finanzmärkten schon beachtlich gewesen. So gab es im ersten Quartal 2008 vier Tage mit Verlusten beim Dax von mehr als vier Prozent: Bis Mitte März verlor der Index gegenüber dem Jahresendstand 2007 gut 22 Prozent, und sein Volatilitätsmaß stieg auf mittleres Krisenniveau. Der iTraxx Europe, der die Kosten der Ausfallversicherung von Unternehmensanleihen abbildet, erhöhte sich in diesem Zeitraum auf das Zweieinhalbfache.

Die seit Jahresanfang kräftigen Turbulenzen an den Finanzmärkten haben Industrie und unternehmensnahe Dienstleistungen direkt noch nicht berührt. Alle Befürchtungen einer Kreditklemme haben sich bislang nicht bestätigt. Auch wenn die Meldungen aus den Banken weiterhin böse Überraschungen bieten werden, sind wir doch in eine Phase der Aufräumarbeiten eingetreten. Nüchternheit bezüglich der Perspektiven der schönen neuen Finanzwelt sollte zunehmend an die Stelle nervöser Überreaktion, gesunde Skepsis an die Stelle unkontrollierten Misstrauens treten.

An diese Befunde schließen sich zwei Fragen an: Zum einen die Frage nach der Abkopplung der Finanzsphäre von der Realwirtschaft, zum anderen die Frage nach der Abkopplung der deutschen Volkswirtschaft von rezessiven Anpassungen in den Vereinigten Staaten. Beide Fragen lassen sich kaum mit Rückgriff auf historische Datenreihen ökonometrisch evaluieren. Die Fortschreibung tradierter Zusammenhänge funktioniert schon bei den bekannten Themen wie Ölpreisanstieg und Aufwertung nicht, ganz zu schweigen bei neuen Konstellationen.

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