Ordnungspolitischer Einspruch
Kampf gegen die Abstiegsangst

Man kann es gar nicht oft genug betonen: Der Aufschwung am Arbeitsmarkt ist bemerkenswert. War der letzte Boom in den Jahren 1999 und 2000 vom Anstieg geringfügiger Beschäftigung dominiert, so ist der laufende durch einen Zuwachs von Vollzeitbeschäftigung charakterisiert. Deutschlands Gerechtigkeitsfieber könnte den Aufschwung allerdings wieder beenden.

Während noch vor gut drei Jahren die Anzahl der Arbeitslosen erstmals die Marke von fünf Millionen überschritten hatte und kaum einer an einen kräftigen Aufschwung zu hoffen wagte, hat der starke Rückgang der letzten Jahre nun die Perspektive auf das Unterschreiten der Drei-Millionen-Grenze realistisch werden lassen. Erstmals seit langem ist auch die Sockelarbeitslosigkeit zurückgegangen.

War der letzte Aufschwung in den Jahren 1999 und 2000 vom Anstieg geringfügiger Beschäftigung dominiert, so ist der laufende Aufschwung durch einen Zuwachs von Vollzeitbeschäftigung charakterisiert. Dabei ist das Arbeitsvolumen knapp doppelt so stark gestiegen wie Ende des letzten Jahrzehnts. Die Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge hat den zweithöchsten Wert seit der Wiedervereinigung erreicht. Die Anzahl der offenen Stellen liegt deutlich über der Millionengrenze.

Dennoch wird auch dieser Hinweis in der Öffentlichkeit ebenso wirkungslos verhallen wie die Veröffentlichung der guten Arbeitsmarktdaten für den März dieses Jahres. Deutschland lebt im Gerechtigkeitsfieber. Nun sollen die Anpassungen, die man zwar ertragen, aber als Zumutung erlebt hat, wie ein böser Traum abgeschüttelt werden. Das Schwinden der Arbeitsplatzunsicherheit hat die Lebensperspektive für viele nicht stabilisiert. Die in der Gesamtwirtschaft schwache Entwicklung der Reallöhne hat den Blick dafür verstellt, dass es gerade in den exportorientierten Branchen stets eine spürbare Steigerung der Reallöhne gegeben hat.

Das Schwinden der Mittelschicht, der Anstieg der Niedrigeinkommensquote, die Abkehr vom Normalarbeitsverhältnis, das Aufkommen prekärer Beschäftigung, die große Anzahl der Bezieher von Erwerbseinkommen und ergänzendem Arbeitslosengeld II - all dies hat den Eindruck nicht nur genährt, sondern verfestigt, dass eine faire Chance des Einstiegs in Beschäftigung und des Aufstiegs durch Qualifizierung nicht mehr besteht. Die Glaubwürdigkeit dieser Versprechen ist verlorengegangen, die Abstiegsangst obsiegt bei vielen.

Doch dahinter steht keine entsprechende Analyse. Es sind anekdotische Eindrücke, Gefühle, leicht zu fassende Vorurteile und eine sich selbst den Erfolg bestreitende Wirtschaftspolitik, die da zusammenwirken. Aus der Wahrnehmung, dass die tatsächlich steigenden Anforderungen in der Arbeitswelt zugleich die Komplexität der Lebensumstände erhöhen, wird schnell eine Überforderung. Die daraus folgenden Befürchtungen vermag auch ein allgemeiner Beschäftigungsaufbau nicht aufzufangen, wenn die Qualität der Arbeitsplätze in Verruf gebracht wurde und die Entlohnung als unfair erscheint.

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