Ordnungspolitischer Einspruch
Kein Grund zur Panik

Seit Donnerstag haben wir es amtlich: Die gesamtwirtschaftliche Leistung Deutschlands schrumpft. Doch Schrumpfung ist nicht gleich Schrumpfung. Und angesichts einer robusten Wirtschaftslage spricht derzeit nichts für kurzfristige Konjunkturprogramme.
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Im zweiten Quartal ist die gesamtwirtschaftliche Leistung gegenüber dem Vorquartal und bereinigt um jahreszeitliche Besonderheiten geschrumpft, und zwar um 0,5 Prozent. Wenn auch im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum kalenderbereinigt noch ein Zuwachs von 1,7 Prozent bleibt, so wird vielfach nun die Rezession ausgerufen werden. Denn nach den Frühindikatoren erscheint es durchaus plausibel, auch für das laufende dritte Quartal eine wenn auch leichte Schrumpfung zu erwarten.

Zwei Quartale mit rückläufiger Wirtschaftsaktivität hintereinander - damit ist die technische, zugleich populäre Definition von Rezession erfüllt. Diese wegen ihrer Schlichtheit beliebte und medial gut verwertbare Begriffsklärung ist inhaltlich wenig gehaltvoll. Konzediert sei, dass eine Schrumpfung gesamtwirtschaftlicher Aktivität in jedem Fall besondere Aufmerksamkeit erfordert. Jedoch: Schrumpfung ist nicht gleich Schrumpfung. Wer nur auf die laufenden Raten zweier Quartale schaut, der ignoriert Zufälligkeiten ebenso wie die überlagernde Wachstumsperformance.

Die ersten zwei Vierteljahre 2008 sind nur gemeinsam sinnvoll zu deuten. Die Schwäche des zweiten reflektiert die auffällige Stärke des ersten Quartals, die durch Sondereffekte wie den sehr milden Winter geprägt war. Zudem zeigt die auch jetzt erfolgte Revision früherer Daten, dass wir weit von einem definitiven Befund entfernt sind. Ein Präjudiz für eine Rezession - verstanden als kumulativer Absturz von Produktion und Beschäftigung - ist das jedenfalls nicht. Zu bedenken ist ferner: Jede kurzzeitige Windung der Konjunktur ist in mittelfristige Trends einzuordnen.

Der Sachverständigenrat nahm deshalb früher auf das gesamtwirtschaftliche Produktionspotenzial Bezug. Die Relation zwischen tatsächlicher Produktion und der ökonomisch optimalen Ausnutzung der Kapazitäten firmiert als Auslastungsgrad. Die Normalauslastung als langjähriger Durchschnitt wurde zur Orientierungsgröße, um den Stand im Konjunkturzyklus gehaltvoll ermitteln zu können. Eine Rezession liegt danach vor, wenn die Auslastung des Potenzials zurückgeht und unter ihren Normalwert sinkt.

Bewegt sich die Volkswirtschaft oberhalb der Normalauslastung, dann beschreibt die Reduzierung gesamtwirtschaftlicher Aktivität zwar eine Anpassung, die von einem Absturz jedoch weit entfernt ist. Dieses Konzept, das Konjunktur und Wachstum zusammen sieht, ist medial zweifellos nicht leicht vermittelbar. Doch die mühsamere Analyse darf deshalb nicht unterbleiben. Die Leser dieser Kolumne haben einen Anspruch auf solche Zumutung. Denn wir sollten gemeinsam ein Interesse daran haben, wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf gut begründet zu ermitteln.

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