Ordnungspolitischer Einspruch
Mehr Lametta

„Früher war mehr Lametta!“ Die Generationen spaltende Frage, ob in der Vergangenheit alles besser war, kann man dank der Weihnachtsepisode bei Loriots Hoppenstedts entkrampfter angehen. Zugleich eröffnet sie einen Zugang, die gesellschaftlichen Schwierigkeiten mit Wandel und Veränderung, mit Reform und Innovation nicht nur aus ökonomischer Perspektive zu erörtern.
  • 0

KÖLN. „Früher war mehr Lametta“, so hören wir Loriots Opa Hoppenstedt nölen. „Dieses Jahr bleibt der Baum grün … naturgrün … mit frischen, natürlichen Äpfeln … naturfrisch und umweltfreundlich …“, so lautet die Reaktion von Familie Hoppenstedt. Diese Geschichte justiert das Gewöhnliche – das zur Gewohnheit Geronnene – durch groteske Überzeichnung neu. Sie verweist auf einen unvermeidbaren Konflikt, den Veränderungen und der Bedarf an Beständigkeit permanent verursachen. Da reicht offenkundig nicht der Baum, Orientierung gewährt erst der passende Schmuck. Mehr Lametta also?

Die Generationen spaltende Frage, ob früher alles besser war, kann man durch die Weihnachtsepisode bei den Hoppenstedts entkrampfter angehen. Zugleich eröffnet sie einen Zugang, die gesellschaftlichen Schwierigkeiten mit Wandel und Veränderung, mit Reform und Innovation nicht nur aus ökonomischer Perspektive zu erörtern. Der Hinweis auf die allzu menschlichen Bedingungen der Wandlungsfähigkeit, gar der Wandlungsträgheit ist notwendig, will man die Chancen identifizieren, die dem ökonomisch als sinnvoll Erachteten beizumessen sind.

Die Möglichkeit des Wandels ist ohne Kompensation durch Sicherheit nicht darstellbar. Der konkrete Bedarf an Sicherheit ist variabel – abhängig von den historischen Prägungen, den kulturellen Besonderheiten und der Fähigkeit zur Eigenverantwortung. In den drei Zusammenhängen wirken bei uns tendenziell Faktoren, welche die Bereitschaft zum Wandel hemmen. Historisch hat unser Staat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit umfassenden Leistungsversprechen eine Erwartung der Sicherheit für alle Zukunft begründet und dadurch Enttäuschung programmiert.

Kulturell erscheint bedeutsam, dass unsere Gesellschaft durch das Fluchterlebnis vieler Bürger nach dem Zweiten Weltkrieg zur Sesshaftigkeit neigt und nicht wie Zuwanderungsgesellschaften zur Mobilität. Es war der eine große unfreiwillige Neuanfang prägend, nicht die Erfahrung fortlaufenden Neubeginns. Dies spiegelt sich in der Gestaltung der Immigration, die lange verleugnet, meist als vorübergehend und im Grunde als vermeidbar bewertet wurde. Erst in jüngerer Zeit wird akzeptiert, dass sich mit der gezielten Integration Chancen für unseren Wohlstand verbinden.

Eigenverantwortung schließlich setzt Selbstvertrauen voraus. Dies wiederum erfordert die reife Persönlichkeit, fähig zur autonomen Selbststeuerung in der offenen, demokratischen Gesellschaft. Ein Bildungssystem, das wie das unsere bei der Vermittlung von Kompetenzen durch enorme Probleme und Unterschiede gekennzeichnet ist, trägt dazu nur unzureichend bei. Auch droht die mitunter anzutreffende, der Pisa-Diskussion geschuldete Verengung des Bildungsbegriffs auf den Nutzwert dahin zu führen, die Sozialisation als wichtige Bildungsfunktion zu vernachlässigen.

Seite 1:

Mehr Lametta

Seite 2:

Kommentare zu " Ordnungspolitischer Einspruch: Mehr Lametta"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%