Ordnungspolitischer Einspruch
Stolz und Vorurteil

Ludwig Erhard setzte sich mit einer Entschlossenheit gegen öffentliche Ressentiments durch, die heute fehlt. Dabei wären mutige Schritte jetzt wichtiger als je zuvor.

Heute vor sechzig Jahren traten das Emissionsgesetz und das Währungsgesetz in Kraft. Das erste übertrug der Bank Deutscher Länder das ausschließliche Recht zur Ausgabe von Banknoten, das zweite bestimmte die Deutsche Mark zur Währung und regelte die Auszahlung. Zwei Tage zuvor hatte der Wirtschaftsrat das "Gesetz über Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform" verabschiedet. Damit konnte Ludwig Erhard als Direktor der Verwaltung für Wirtschaft für den 21. Juni die Bewirtschaftung weitgehend lockern und die Preiskontrollen aufheben.

Was sich wie ein schlichter administrativer Vorgang liest, war politisch höchst gewagt und in vielfacher Hinsicht bemerkenswert. Es ruft deshalb in regelmäßigen Abständen ebenso Stolz hervor, wie es auch Vorurteile belebt.

Der Blick auf die Entstehung der Sozialen Marktwirtschaft ist für die Bürger, aber auch in Politik und Medien meist verklärt. Zudem steht dabei heute meist das Soziale im Vordergrund, nicht das vorrangige Bekenntnis zur Freiheit.

Keine Diskussion vergeht, wo nicht selbst ernannte Hüter des Erhard?schen Erbes jede Veränderung mit dem Hinweis abwehren, diese widerspreche dem Geist der Sozialen Marktwirtschaft. Es ist deshalb der Mühe wert, die Bedingungen für Erhards Handeln zu rekapitulieren.

Der ökonomische Zusammenbruch Deutschlands nach 1945 war dramatisch. Aufgrund von Krieg und Besatzung herrschten Ungewissheit und Apathie. Die seit 1936 laufende Vorbereitung auf den Krieg, die Kriegswirtschaft sowie der allgemeine Preis- und Lohnstopp hatten das Wirtschaftssystem grundlegend geschwächt. Die Einbindung in die internationale Arbeitsteilung war weitgehend aufgehoben. Der in einem Rechtsstaat geltende Zusammenhang von Kompetenz und Haftung war umfassend zerrüttet.

Politisch wirkte auch die Weltwirtschaftskrise von 1929 nach. Die Doktrin des Laissez-faire galt als kompromittiert, man suchte mit einem "liberalen Interventionismus" der "Versumpfung des Kapitalismus" - so Walter Eucken - entgegenzuwirken. "Der neue Liberalismus jedenfalls", schrieb Alexander Rüstow, "der heute vertretbar ist, fordert einen starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessen, da, wo er hingehört."

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