Pharmakonzerne
Grippewelle: Der Rattenschwanz des Schweins

Eine Grippe bedroht die Welt und ein Pharmakonzern hat das Rezept für die beste Therapie. Dieses hollywoodreife Szenario klingt wie das Drehbuch für hohe Profite. Die Realität ist allerdings komplexer, wie Roches Erfahrungen mit dem Schweinegrippenmedikament Tamiflu zeigen.
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Die Produktion von Arzneimitteln gegen Krankheiten, die das Potenzial haben, sich zu Pandemien auszuweiten, ist nicht so lohnend, wie sie eigentlich sein sollte. Sicher, eine schnelle Verbreitung der Schweinegrippe würde zu einer sprunghaften Steigerung des Tamiflu-Umsatzes führen. Nach Angaben von Roche haben die Regierungen bereits 220 Millionen Packungen bestellt - das dürfte einem Umsatz von rund drei Mrd. Dollar oder mehr entsprechen. Weitere Aufträge werden mit Sicherheit folgen. Und auch beunruhigte Verbraucher stocken ihre Vorräte auf.

Aber tödliche Epidemien sind wie Kurseinbrüche - sie tauchen unregelmäßig auf und es ist schwer, ein Geschäft daraus zu machen. Sie erfordern langen Atem und die Absatzchancen können gering sein. 2006 hat Roche mit Tamiflu mehr als zwei Mrd. Dollar erlöst, weil die Regierungen besorgt waren, dass die Vogelgrippe sich ausweiten könnte. Aber solche Absatzspitzen sind eher untypisch.

Wie die meisten antiviralen Wirkstoffe muss Tamiflu möglichst früh im Krankheitsverlauf eingesetzt werden. Das heißt, bei einem typischen Grippeausbruch ist es nicht wirklich hilfreich. Daher verkaufte sich das Medikament bisher auch eher mittelmäßig. Im vergangenen Jahr setzte Roche mit Tamiflu nur rund 536 Mio. Dollar um. Für ein großes Pharmaunternehmen ist das zu wenig, um den hohen Forschungs- und Entwicklungsaufwand zu rechtfertigen.

Selbst die Gewinne, die im Falle der seltenen Katastrophen entstehen, sind nicht so hoch, wie man vermuten könnte. Tamiflu ist ein Medikament, das äußerst schwer zu produzieren ist. Roche dürfte 9 Monate brauchen, um seine Produktionskapazitäten über das aktuelle Limit von jährlich 400 Millionen Packungen hinaus zu erhöhen. Das mehrstufige Verfahren ist kompliziert. Der schwierigste Teil besteht allerdings darin, die notwendige Menge Sternanis zu beschaffen - genau, das chinesische Gewürz. Schon heute kauft Roche einen Großteil der Weltproduktion, weil Sternanis die beste Quelle zur Gewinnung von Shikimisäure ist, die einen wesentlichen Tamiflu-Bestandteil bildet. Der Konzern verfügt zwar über Lagerbestände an dem Gewürz, wie viel ist allerdings unklar.

Natürlich könnte Roche seine Gewinne auch über Preissteigerungen erhöhen. Aber das Unternehmen hat bereits jeden Preissprung ausgeschlossen, der über den Ausgleich von Kostensteigerungen bei den Arzneimittelrohstoffen hinausgeht. Und zweifellos ließen sich Preissteigerung gegen den politischen Druck auch nur sehr begrenzt durchsetzen.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, wenn die Pharmaunternehmen kaum Interesse haben, neue antivirale Medikamente gegen potenzielle Epidemien zu entwickeln. Die Schweinegrippe ist eine Mahnung, einen Weg zu finden, sie für diese Forschung auch entsprechend zu belohnen.

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