Posten von Merrill-Chef wackelt
Wer wird der Erste sein?

Man sollte meinen, im Rennen um den Titel "Verwundbarste Führungskraft an der Wall Street" möchten die Teilnehmer allesamt nur eines: verlieren. Nicht so Stan O?Neal von Merrill Lynch. Er scheint alles daran zu setzen, an den Konkurrenten vorbeizuziehen.

Bis zu dieser Woche hatten ganz klar Chuck Prince von Citigroup und Jimmy Cayne von Bear Stearns bei dem Wettlauf die Nase vorn. Die Verluste, die Citigroup bisher aus der Kreditkrise im Sommer davongetragen hat, sind massiv, selbst wenn man die Größe der Bank berücksichtigt. Darüber hinaus war Prince bisher noch nicht in der Lage, die Vorteile, die sich eigentlich aus der Größe des Giganten ergeben sollten, umzusetzen. Ironischerweise hat Jamie Dimon, Chef von JPMorgan und ehemaliger Gefolgsmann von Prince-Vorgänger Sandy Weill, mit seinem Citigroup-ähnlichen Geschäftsmodell mehr Erfolg.

Cayne hat in der Zwischenzeit seine Position gefestigt, indem er eine Allianz zwischen Bear Stearns und der chinesischen Citic Securities bekannt gegeben hat. Während das für die internationalen Ambitionen des Wertpapierhauses keinen großen Ausschlag geben wird, ist es doch ein Schritt in die richtige Richtung. Abgesehen davon, hat Cayne sich weggeduckt, seitdem die Schwierigkeiten von Bear Stearns mit US-Hypothekendarlehen zweitklassiger Bonität ans Licht gekommen waren und dann das Drittquartalsergebnis der Investmentbank beschädigt hatten.

Die ehemaligen Spitzenreiter im Rennen können - vorerst - ein bisschen aufatmen. O?Neal scheint fest entschlossen auf die Ziellinie loszustürmen und damit seine bis dahin ordentlichen Leistungen zu untergraben. Die Vorankündigung von Verlusten über fast fünf Mrd. Dollar bei CDOs, also bei Wertpapieren, die mit einem Pool von Anleihen, Krediten und anderen Vermögenswerten unterlegt sind, und bei Subprime-Hypotheken hatte schwere Zweifel am Risiko-Management von Merrill aufkommen lassen. Als die tatsächliche Zahl sich dann auf fast acht Mrd. Dollar belief, roch es danach, als hätte es die Unternehmensspitze an der nötigen Aufsicht mangeln lassen. Das ist fast schon eine Einladung an die US-Aufsichtsbehörden, die bekannt dafür sind, dass sie sich ganz genau anschauen, wie die Wall Street-Firmen illiquide Wertpapiere wie diese bewerten.

Und jetzt legt auch noch ein Bericht der "New York Times" nahe, dass sich O?Neal ohne Genehmigung des Boards von Merrill mit Ken Thompson, dem Chief Executive von Wachovia, in Verbindung gesetzt hat. Er soll Thompson demnach in den Tagen vor der Veröffentlichung der zweiten - höheren - Verlustschätzung eine Fusion der Banken vorgeschlagen haben. Eine alarmierende Erklärung seines Vorgehens wäre, dass er dachte, die Firma müsse gerettet werden. Wenn nicht, war es bestimmt ein verzweifelter Versuch, die Aufmerksamkeit von sich abzulenken und so vielleicht seinen Posten zu retten. Auf jeden Fall hat sein Schritt offenbar einige Mitglieder seines zweifellos ohnehin verstörten Vorstands irritiert.

O?Neal kann von einer Arbeitsplatzsicherheit, wie sie etwa Lloyd Blankfein bei Goldman Sachs genießt, nur noch träumen. Die Gerüchte um O?Neals unmittelbar bevorstehende Ablösung verdichten sich. Vielleicht steckt ja noch Kampfgeist in ihm. Aber wenn er tatsächlich geht, dann rückt wieder der Kampf um Platz zwei ins Rampenlicht.

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