Privatsphäre/Werbung
Der Kampf mit der Anzeigenüberflutung

Die Aktien eines britischen Unternehmens purzelten um 40 Prozent, nachdem bekannt wurde, dass ein Internetprovider seine angekündigte Werbeplattform zurückzog. Die Datenschützer sind entzückt. Aber das Internetgeschäft mit dem beidseitigen Informationsfluss ist für Werbetreibende zu attraktiv, um einfach darauf zu verzichten. Eine mögliche Antwort könnte in der freiwilligen Selbstkontrolle liegen.
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In einem Kampf hat die Privatsphäre den Sieg über den Profit davongetragen. Der Krieg aber ist noch lange nicht gewonnen. Aktien der Werbeagentur Phorm fielen am Montag um 40 Prozent, nachdem bekannt wurde, dass ein Kunde die Markteinführung seiner Suchmaschine Webwise auf unbestimmte Zeit verschoben hat. Der Dienst verfolgt die Suchprofile von Internetnutzern und stimmt Online-Werbeanzeigen mit den so ermittelten Interessen der Konsumenten ab. Einen ähnlichen Service bietet zum Beispiel auch Google. Aber das Phorm-Produkt läuft über den Internet-Serviceprovider (ISP) und ist somit schwerer zu umgehen.

BT Group, ein großer ISP in Großbritannien, begründete die Verzögerung mit strategischen Erwägungen. Der wahre Grund dürfte allerdings eher in der Sorge liegen, dass die Verbraucher sich gegen die Schnüffelei wehren könnten. Bis jetzt haben die anderen britischen Phorm-Partner, die ISPs TalkTalk und Virgin aber noch keinen Rückzieher gemacht.

Die Nachricht vom Webwise-Aufschub ließ einen Datenschutzverfechter in Freudentränen ausbrechen. Er sollte seine Tränen lieber schnell wieder trocknen. Die Rückzugsentscheidung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Auskundschaften von Internet-Nutzungsgewohnheiten einen hohen wirtschaftlichen Reiz ausübt. Was Menschen gestern gesucht haben, ist ein exzellenter Hinweis darauf, was sie morgen vielleicht kaufen werden. Werbetreibende werden alles daransetzen, solche Informationen bestmöglich auszunutzen.

Der Webside-Dienst ist vielleicht zu plump, um zugelassen zu werden. Aber der Internet-Werbemarkt wächst schnell - nach Angaben der Medienagentur ZenithOptimedia um 10 Prozent im Jahr 2009. Wer Anzeigen schaltet wird ebenfalls in Tränen - der Frustration - ausbrechen, wenn er nicht irgendeinen Vorteil aus dem zweiseitigen Informationsfluss im Internet ziehen kann.

Auf der gegnerischen Seite können die Datenschützer mit dem populären Widerstand von Konsumenten rechnen, die befürchten, dass große Unternehmen zu viel Wissen ansammeln. Allerdings sind es oft die Prinzipien, die weichen müssen, wenn Profit in Konflikt mit irgendwelchen guten Vorsätzen gerät.

Das letzte Wort werden die Aufsichtsbehörden haben. Im April rief die EU Großbritannien zur Überarbeitung seiner Datenschutzgesetze auf, mit dem Fokus auf einer rigideren Handhabung. Die größte US-Medien- und Marketing-Vereinigung will der Regierung zuvorkommen. Sie hat bereits eine Reihe von freiwilligen Selbstbeschränkungsprinzipien veröffentlicht.

Der Schritt ist willkommen. Wenn die Werbeindustrie das Vertrauen der Verbraucher gewinnen kann, ist allen gedient.

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