Prozesswelle droht
US-Pensionsfonds verklagt Ratingagenturen

Calpers verklagt die großen drei Rating-Agenturen. Der US-Pensionsfonds hatte bei strukturierten Finanzierungsgesellschaften, die mit einer Bonitätsbewertung von AAA versehen waren, eine Milliarde Dollar verloren. Calpers gibt den Agenturen die Schuld, die die Deals mitstrukturiert hätten, bevor sie diese dann einstuften.
  • 0

Die Rating-Agenturen werden die Suppe, die sie anderen eingebrockt haben, vielleicht doch noch selbst auslöffeln müssen. Der 173 Mrd. Dollar schwere US-Pensionsfonds California Public Employees? Retirement System (Calpers) verklagt die drei Spitzen-Agenturen aufgrund von Verlusten über rund eine Mrd. Dollar. Sie waren Calpers entstanden, als drei erstklassig eingestufte strukturierte Finanzierungsgesellschaften (SIVs) zusammenbrachen. Die Agenturen haben sich gegenüber vergleichbaren Anfechtungen zwar schon durchgesetzt. Doch jetzt könnte Calpers sie in der Hand haben.

Der Pensionsfonds argumentiert, Moody?s, Fitch Ratings und Standard & Poor?s seien gemeinsam an den Verlusten schuld und zwar teilweise deswegen, weil sie an der Strukturierung der SIVs mitgewirkt hätten, bevor sie diese dann eingestuft hätten. Moody?s zumindest streitet dies ab. Calpers behauptet dagegen, die Rating-Agenturen seinen noch viel tiefer in die Sache verstrickt. Sie hätten nicht nur die Finanzierungsgesellschaften selbst mit einer Bonitätsnote versehen, sondern auch die meisten der forderungsbesicherten und durch Hypothekendarlehen unterlegten Wertpapiere, die die Vehikel kauften.

Insoweit sie die Richtung dafür vorgaben, was die Banken zu tun hatten, um die maßgeblichen "AAA"-Ratings zu erhalten, könnte dies der Ruin der Agenturen sein. Zu Einzelheiten wollen diese sich nicht äußern, aber Calpers macht geltend, dass die SIV-Ratinggebühren, die nach seinen Angaben von 300 000 Dollar bis zu einer Mill. Dollar pro Deal reichten, vom erfolgreichen Verkauf der entsprechenden Wertpapiere abhingen. Das habe laut Calpers den Rating-Agenturen ein Motiv geliefert, sich förmlich ein Bein auszureißen, um sicherzustellen, dass die SIVs Spitzenbewertungen erhielten.

Wenn die Ratingagenturen an der Strukturierung der SIVs beteiligt waren, dann würde dies zudem die Behauptung der Agenturen untergraben, ihre Einstufungen stellten Meinungsäußerungen dar, die demselben in der amerikanischen Verfassung verankerten Recht auf Redefreiheit unterliegen, wie es Journalisten gewährt wird. Der damalige Chefsyndikus von Fitch hatte den Gesetzgebern, die das Enron-Debakel untersuchten, einmal erklärt, bei einem Rating handele es sich um "den kürzesten Leitartikel der Welt". Dieser Vorwand wird keinen Bestand haben, wenn man etwas kommentiert, was man selbst erfunden hat.

Calpers bringt überdies vor, von den Finanzierungsgesellschaften oder den Rating-Agenturen nicht ausreichend informiert worden zu sein, um die Vehikel richtig verstehen zu können. Da könnten die Agenturen festeren Boden unter den Füßen haben. Schließlich war Calpers nicht gezwungen, die Schuldtitel der Gesellschaften zu kaufen und hätte dies auch nicht tun sollen, bevor sich der Fonds nicht hinlänglich aufgeklärt fühlte.

Solche Nuancen könnten in der Argumentation vor Geschworenen in Kalifornien, einem US-Bundesstaat kurz vor der Insolvenz, allerdings leicht untergehen. Und wenn der Fall zu Ungunsten der Ratingagenturen ausgehen und sie wirklich viel Geld kosten würde, könnten auch andere unzufriedene Investoren scharenweise ihr Glück versuchen. Das wiederum könnte dazu führen, dass am Ende gar die Zukunft der Rating-Agenturen angezweifelt werden könnte.

Kommentare zu " Prozesswelle droht: US-Pensionsfonds verklagt Ratingagenturen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%