Regulierung
Auf dem Weg zur neuen Derivateordnung

Die Reformanstrengungen der Händler, bei Derivaten das Kontrahentenrisiko zu mindern und die Transparenz zu erhöhen, scheinen die US-Aufsichtsbehörden nicht überzeugt zu haben. Der US-Kongress dürfte hart durchgreifen.
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Wenn die US-Abgeordneten in dieser Woche aus ihren Sommerferien zurückkehren, werden sie den Gesetzentwurf der Regierung von Barack Obama zur Reform der Derivate-Industrie auf ihren Schreibtischen vorfinden. Die 115 Seiten umfassende Vorlage würde den Markt für privat ausgehandelte Derivate mit einem Volumen von 600 Billionen Dollar dramatisch verändern - auf eine Art und Weise, die viele Akteure und Endkunden nicht begrüßen werden. Doch die Anstrengungen der Branche, sich seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers selbst zu reformieren, scheinen nicht auszureichen, um umfassende Maßnahmen der Gesetzgeber abzuwehren.

Der Gesetzentwurf fordert eine stärkere Offenlegung von Informationen zur Preisfestsetzung und zu den Positionen. Standardisierte Derivate müssten zentral abgerechnet und an Börsen gehandelt werden. Der zuvor nicht regulierte Markt - und alle seine Teilnehmer - sollen der Aufsicht der US-Branchenwächter unterstellt werden.

Die Derivate-Branche argumentiert, dass bei vielen Instrumenten mit Hilfe elektronischer und anderer Handelsplattformen bereits ein hohes Maß an Transparenz bei der Preisgestaltung vorliegt. Die Endverbraucher ihrerseits klagen darüber, dass im Voraus zu zahlende Margen, die bei börsengehandelten Produkten erhoben würden, Derivate weniger attraktiv machen.

So könnte es schwierig werden, Derivate gemäß den Bilanzierungsrichtlinien als echte Absicherungstransaktionen zu qualifizieren, da es kompliziert ist, die Hedges präzise den eingegangenen Engagements zuzuordnen. Dies wiederum könnte die Endverbraucher dazu zwingen, einen höheren Anteil ihrer Absicherungsgeschäfte nach Marktpreisen neu zu bewerten. Unerwünschte Ertragsschwankungen könnten die Folge sein.

Die Gesetzgeber ihrerseits dürften allerdings davon überzeugt sein, dass der Niedergang von Lehman und die enormen Verluste der American International Group bei ihrem Kreditderivatportfolio inakzeptable Risiken für das Finanzsystem darstellten.

Die Händler-Gemeinschaft scheint nicht genug getan zu haben, um diese Bedenken zu zerstreuen. Zunächst einmal erklärten sich die Akteure bereit, standardisierte Kreditausfall-Swaps (CDS) über zentrale Gegenparteien wie etwa die ICE Trust in den USA abzurechnen. Zudem gestalteten sie die rechtliche Grundlage für diese Instrumente neu, so dass bei sämtlichen Transaktionen eine Barregulierung erfolgen kann. Um das Clearing dieser Werkzeuge zu erleichtern, revidierten die Händler die Struktur der CDS und fügten ihnen Standard-Kupons an. Und schließlich unterstützten sie Anstrengungen, ausgleichende Verbindlichkeiten zwischen den Gegenparteien auf dem CDS-Markt aufzuheben. Dadurch verringerte sich der Bruttobetrag der ausstehenden Kontrakte beträchtlich, was wiederum die Verwaltungs- und Logistikbelastungen des Marktes reduziert.

Doch politisch wird immer noch eine umfassende aufsichtsrechtliche Reform gewollt. Es herrscht die weit verbreitete Ansicht, dass CDS für die Verluste bei AIG und die Schwierigkeiten von Lehman verantwortlich waren. Dazu kommt, dass die Gesetzgeber oft nicht genau verstehen, wie diese Instrumente funktionieren. Dies hat eine gesetzgeberische Maschinerie in Gang gesetzt, die die Derivate-Branche, deren Mitglieder zu einem großen Teil in Misskredit gerieten oder auf Regierungshilfe angewiesen sind, nur mit Mühe wird aufhalten können.

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