Rohölpreis
Verrutschte Messlatte

Das knappe Angebot sei der Grund für einen Rohölpreis von 90 Dollar je Barrel, sagen die Kurstreiber auf den Rohölmärkten. Aber der einzige Platz, an dem in jüngster Zeit ein großer Rückgang verzeichnet worden ist, ist der Andienungsort für die Terminmärkte in Cushing im US-Bundesstaat Oklahoma. Die Öltanks weltweit aber quellen über. Der Preis für Rohöl sollte bedeutend niedriger sein.

Es gibt viele Gründe dafür, dass Rohöl mit 90 Dollar je Barrel gehandelt wird, sagen die Kurstreiber an den Rohölmärkten. Sie führen dann gerne die geopolitische Instabilität und die Lagerbestände an. Die meisten Erklärungen beinhalten im Kern die Angst, dass es einfach kein ausreichendes Angebot gibt. Aber der einzige Platz, auf den das in letzter Zeit wirklich zutrifft, ist der Andienungsort, den Futures-Händler nutzen, wenn ihre Kontrakte physisch abgerechnet werden und das Öl also tatsächlich an den Kunden geliefert wird. Diese Funktionsstörung im System ist zum großen Teil für die in die Höhe schießenden Preise verantwortlich. In der Zwischenzeit quellen weltweit die Öltanks über.

Wie viel Öl sich am Andienungsort – er befindet sich in Cushing im US-Bundesstaat Oklahoma – für Abschlüsse, die an der Terminbörse Nymex abgerechnet werden, befindet, sollte nicht wirklich wichtig sein. Über 99 Prozent der Öl-Kontrakte werden nie physisch ausgeliefert. Tatsächlich entspricht das über Futures gehandelte Rohölvoumen derzeit dem Zehnfachen des weltweiten Verbrauchs, berichtet Oppenheimer.

Trotzdem ist es leicht zu verstehen, warum einige Händler nervös geworden sind, nachdem das Rohölangebot in Cushing im Sommer um kräftige 35 Prozent gegenüber seinem historischen Höchststand gefallen war. Diejenigen, die ihre Handelsabschlüsse physisch abrechnen, hatten Angst, dass das in Cushing vorrätige Öl so weit sinken könnte, dass nicht mehr genug für die Begleichung der Kontrakte und die Auslieferung an die Kunden da wäre. In der Folge stieg der Preis der Benchmark an der Nymex – und zog die Rohölpreise weltweit mit sich nach oben.

Aber der Rückgang des Angebots in Cushing war tatsächlich nur eine lokal begrenzte Angelegenheit: Bei der größten Raffinerie im Mittleren Westen der USA – bei der zu BP gehörenden Whiting – war nämlich eine Störung aufgetreten, weshalb die Raffinerie mehr Öl der Sorte, die in Cushing gelagert wird, brauchte. Dieser zusätzliche Bedarf war zu einem großen Teil dafür verantwortlich, dass das Niveau der Lagerbestände in Cushing gefallen war.

Von diesem Einzelfall abgesehen, erhöhten sich aber die tatsächlichen Lagerbestände an Rohöl weltweit immer weiter. Sie haben nach Angaben der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) nun ihren höchsten, jemals gemessenen Punkt erreicht. Und der globale Hunger nach Öl stagniert, denn die gesteigerte Nachfrage aus China und Indien wird durch Rückgänge in den westlichen Ländern ausgeglichen. Die Lagerbestände in Cushing mögen für ein paar Raffinerien im Mittleren Westen Amerikas wichtig sein. Aber sie sind wirklich ein schlechter Indikator für den Zustand des weltweiten Ölmarkts.

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