Schulden
Lasst Großbritanniens Fantasiehaushalt platzen

Was kann der Schatzkanzler tun, um einer schweren Rezession zu begegnen? Alistair Darling entschied sich zur Flucht vor der Realität. Er suchte Zuflucht bei unrealistisch optimistischen Konjunkturprognosen und der Beteuerung, gigantische Defizite seien nicht das Problem. Die Finanzmärkte könnten ihn eines Besseren belehren.
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Alistair Darlings Hauhaltsproblem war so gewaltig, dass es schon Mitleid erregte. Der britische Schatzkanzler musste Anlegern versichern, dass Großbritannien nicht vor der Pleite steht, gleichzeitig aber durfte er sein Versprechen nicht mit einem zu tiefen Griff in die Taschen der Steuerzahler oder die rezessive Wirtschaft untermauern. Seine Lösung: Flucht in die Welt der Fantasie. Dort gab es kein zahlungsunfähiges Großbritannien – kein Land mit einem riesigen Haushaltsdefizit, dessen Schuldenberg sich Prognosen zufolge in wenigen Jahren verdoppeln wird und das dringend eine Lösung herbeiführen muss. Stattdessen malte er ein Großbritannien, das nur vorübergehend außer Tritt geraten ist und bald schon wieder reibungslos dahingleiten wird.

Die Fantasie war vollständig: sowohl im Hinblick auf die übergreifende Vision als auch die Detailprognosen. Die Immobilienblase fand darin keinen Platz, auch nicht das Budgetdefizit, das die meisten Volkswirte zumindest teilweise für ein strukturelles Problem halten: systemimmanent und längst fällig für radikale Haushaltsreformen. Stattdessen stellte er die britische Rezession und das britische Defizit als Folge einer globalen Epidemie dar. Großbritannien sei „stark und zuversichtlich“ und in mancherlei Hinsicht besser dran als Deutschland oder Japan.

Die Fantasievorstellung ignorierte geflissentlich das Ausmaß und die Gefahren des staatlichen britischen Finanzierungsbedarfs. Mit 175 Milliarden Pfund in diesem Jahr erreicht das Land einen Rekord in Friedenszeiten – 12 Prozent des BIP – ganz zu schweigen davon, dass die Briten damit am schlechtesten in ganz Westeuropa abschneiden, der Finanzierungsbedarf ist, gemessen am BIP-Anteil - viermal so hoch wie in Deutschland.

Darling gab keinen Anhaltspunkt, wie das Defizit verringert werden könnte. Er agierte wie ein Fantast – präsentierte schreckliche Nachrichten und behauptete, sie seien kein Problem.

Auf das 175-Milliarden-Pfund-Defizit folgt lediglich die Andeutung einer Reduktion um 2 Milliarden Pfund im Jahr 2010. Und zwei Jahre später, im Haushaltsjahr 2011/2012, erwartet Darling einen Finanzierungsbedarf von 118 Milliarden Pfund, oder 9 Prozent des BIP. Bis 2013/2014 wird sich die staatliche Nettoverschuldung gegenüber der Zeit vor der Rezession verdoppelt haben – auf 79 Prozent des BIP.

Diese grausame Entwicklung ist schon schlimm genug, aber dennoch das Produkt einer optimistischen Vorstellungskraft. Darling träumt von einer Wirtschaft, die schon in diesem Jahr wieder zu wachsen beginnt. Bis 2011 soll das BIP sich einer Wachstumsrate von 3,75 Prozent annähern, nach soliden Zuwächsen in der Nähe eines Wachstumspfads von 2,75 Prozent.

So viel Optimismus lässt sich nur schwer mit einer Wirtschaft in Einklang bringen, die schwere Schläge auf jedem Finanzgebiet einstecken musste. Und die Wirtschaft soll trotz ihrer Last wieder anspringen. Darling prognostiziert Jahre mit mäßigen Bremseffekten: die Regierung kürzt Ausgaben und erhöht die Steuern um zusammengenommen jährlich 0,8 Prozent des BIPs, teilweise über Maßnahmen, die die Reichen schröpfen sollen – ein Ansatz, der sich schon in der Vergangenheit als kontraproduktiv erwiesen hat. Hat die Regierungsfantasie wirklich Einfluss? Das Problem liegt darin, dass enorme Defizite den Verkauf eines enormen Volumens an Schuldtiteln bedeuten. Das wiederum heißt, es muss Anleger geben, die bereit sind zu kaufen. Wenn vor allem ausländische Investoren davor zurückschrecken, wird das ohnehin schon schwache Pfund weiter fallen. Die Regierung riskiert also, die Notenpresse anwerfen zu müssen, um ihr Defizit zu finanzieren – und damit in den Inflationsruin zu laufen.

Schönfärberei hilft vielleicht bei Kindern, aber die Regierung steht vor einem Haushaltsproblem, das sie wie ein Erwachsener angehen muss. Auf diesen Haushaltsentwurf trifft das nicht zu. Die Flucht in die Fantasie könnte für die Regierung in einer blutigen Kollision mit der Realität enden.

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