Schwankende Preise
China: In die falsche Richtung

Noch vor wenigen Monaten war die Inflation eine Gefahr für China. Nun geht sie so schnell zurück, dass eine Deflation zur Bedrohung werden könnte. Neben fallenden Exporten und den 20 Millionen arbeitsloser Wanderarbeiter sind die schwankenden Preise eine weitere Baustelle, um die sich die Verantwortlichen kümmern müssen.

Schwankende Preise gehören auf die Liste der Herausforderungen für China. Noch vor wenigen Monaten war die Inflation eine Gefahr für das Land, doch jetzt geht sie so schnell zurück, dass Deflation zur nächsten großen Sorge werden könnte.

Jüngste offizielle Zahlen zeigen, dass der Konsumentenpreisanstieg, der 2008 mit acht Prozent seinen Höhepunkt erreichte, sich im Januar auf ein Prozent verringert hat. Die Erzeugerpreise fielen um 3,3 Prozent. Die schnell steigenden Preise brachten zwar viele Risiken mit sich, beispielsweise die Gefahr sozialer Unruhen, doch eine Deflation, die mit fallenden Löhnen und mehr Lohnausfällen einhergeht, ist kaum weniger beunruhigend.

Was also sollten die Verantwortlichen tun? Die Antwort hängt von einer Diagnose der Grundursachen der Preisveränderungen ab. Die beste Analyse beruht nicht nur auf Angebot und Nachfrage, sondern auf monetären Aspekten. Die Preise steigen oder fallen nämlich, wenn mehr oder weniger Geld verfügbar ist.

Als der chinesische Handelsbilanzüberschuss stieg, erhöhte sich das Geldangebot schnell. Chinas Notenbank tauschte faktisch Bankkredite und lokale Währung gegen überschüssige Fremdwährung ein. Die Klemme am internationalen Kreditmarkt hat China aber getroffen, und Geld scheint plötzlich knapp zu sein.

Die Verantwortlichen sollten einige Optionen haben. Die wichtigste besteht darin, die Taschen der Menschen mit Geld zu füllen, etwa durch Senkungen der Leitzinsen von aktuell 5,3 Prozent, oder durch eine Reduzierung der Reserveanforderungen für Banken. Es geht aber die Sorge um, dass diese Maßnahmen nicht helfen. Obwohl sich das tatsächliche Geld- und Kreditwachstum noch immer im zweistelligen Bereich bewegt, legen Inflationsdaten nahe, dass die für Ausgaben verfügbare Geldmenge so gut wie gar nicht wächst.

Ein Grund dafür könnte das riesige, aber nicht in Zahlen zu fassende Schattenbanksystem in China sein. Als Banken im letzten Jahr zur Inflationsbekämpfung die Kreditvergabe drosselten, dürften "informelle" Märkte für Unternehmens- und Privatkredite in gewissem Umfang die Lücken gefüllt haben. Jetzt könnten Kredite, die als neu gelten, in Wirklichkeit informelle Darlehen sein, die zu echten Krediten werden. Im schlimmsten Fall könnte die "reale" Geldmenge sinken, obwohl die üblichen Kennzahlen das Gegenteil anzeigen, sodass eine Deflation schwer vermeidbar wird.

China sollte sich dieser Herausforderung stellen. Das Land muss sich aber schon um die 20 Millionen arbeitsloser Wanderarbeiter sorgen, die Exporte kollabieren, ebenso die Importe. Ein vier Billionen Renminbi schweres Anreizpaket mit öffentlichen Ausgaben dürfte zwar für ein paar Jahre Geld in das System bringen und der Deflation sowie der Arbeitslosigkeit entgegenwirken. Die Liste der übermenschlichen Kraftakte, die von der Regierung erwartet werden, wird aber täglich länger.

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