Shell: Getrübte Partystimmung

Shell
Getrübte Partystimmung

Gerade erst vermeldete der Ölgigant den größten Gewinn in der Geschichte britischer beziehungsweise holländischer Unternehmen. Aber die Entscheidung, die Ölreserven erst zu einem späteren Zeitpunkt zu veröffentlichen, weckt Erinnerungen an den Bilanzskandal, der das Unternehmen vor vier Jahren erschütterte. Der Konzern sollte die Sorgen der Investoren zerstreuen – oder bestätigen.

Shell hat es mit einem unvorstellbaren Gewinn von 13,9 Milliarden britischen Pfund im Jahr 2007 ins Buch der Rekorde geschafft – das höchste Ergebnis, das ein britisches oder niederländisches Unternehmen jemals erzielen konnte. Aber die Party wurde durch einen alten Dämon unterbrochen: die Bewertung der Ölreserven. Der anglo-niederländische Öl-Marktführer will die Energiereserven – die Rohressourcen im Besitz des Unternehmens – erst im zweiten Quartal 2008 bekanntgeben. Dieses Verhalten weckt Erinnerungen an den Bilanzierungsskandal, der das Unternehmen vor vier Jahren erschütterte, auch da ging es um die Öl- und Gasvorräte.

Das Problem damals entstand durch den Wechsel der Methode, die Shell zur Bewertung der neuen Ölreserven verwandte. Das Unternehmen entschied sich dafür, die Menge der Öl- und Gasvorräte in alten und neuen Feldern nach einem optimistischeren Ansatz zu schätzen. Dadurch stieg die Reserve Replacement Ratio (= jährlich neu entdeckte Produktionsreserven/gesamtes jährliches Produktionsvolumen), die in der Branche als Standardmaß für die Nachhaltigkeit der Ölproduktion eines Unternehmens gilt. Für einige Jahre erweckte Shells Vorstandsvorsitzender, Sir Phillip Watts, den Eindruck eines Energie-Rockstars. Es schien, als habe er einen Weg gefunden, die Vorräte schneller und billiger zu erneuern, als das in der Vergangenheit je möglich war.

Aber mit Bilanzierungstricks lässt sich die Realität nicht dauerhaft verschleiern, weder auf Ölfeldern noch in der Rechnungslegung. 2004 machte Shell reinen Tisch und reduzierte die Angaben zu den Ölreserven um 20 Prozent. Sir Phillip musste seinen Hut nehmen und Shell musste sich vollständig neu ausrichten.

Die Zeiten für nicht-staatliche Ölgesellschaften wie Shell sind hart. Sie erhalten keinen Zugang zu neuen Feldern und die Konditionen für die Exploration der bereits existierenden werden schlechter. Shell hat deutlich darunter zu leiden. Durch Regierungsvorstöße ist das Unternehmen gezwungen, seinen Anteil an wichtigen Projekten zwischen Kasachstan und Venezuela zu reduzieren oder ganz aufzugeben und durch die Inaktivität der Regierung bleibt das Produktionsniveau in Nigeria gering. Der schlimmste Schlag traf den Konzern im vergangenen Jahr, als die russische Regierung Gazprom an seine Stelle im Sakhalin-II-Projekt setzte.

Allein durch diesen Schritt verlor Shell ein Ölreserven-Äquivalent von schätzungsweise 1,1 Milliarden Barrel. Die nationalistische Propaganda in Nigeria bedroht noch einmal Reserven in Höhe von 1,1 Milliarden Barrel. Auf seiner Bilanz-Pressekonferenz gab Shell an, die Reserven 2007 um ein Öläquivalent von einer Milliarde Barrel aufgestockt zu haben.

Auf die Reserve Replacement Ratio werden die Probleme sich zweifellos negativ auswirken. Wie sehr? Auf die Antwort müssen die Anleger noch warten. Das Unternehmen sollte alles daransetzen, ihre Ängste zu zerstreuen – oder sie zu bestätigen.

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