SocGen-Positionen: Wissen, wie man abhaut

SocGen-Positionen
Wissen, wie man abhaut

Als Société Générale die Positionen, die der betrügerische Händler Jerome Kerviel aufgebaut hatte, entdeckte, beliefen sich die Verluste auf 1,5 Mrd. Euro. Bis der hastige Verkauf abgeschlossen war, hatte sich der Fehlbetrag mehr als verdreifacht. In einen fallenden Markt hinein zu verkaufen, ist teuer. Aber die Alternative sah noch schlimmer aus. Wissen, wie man abhaut

Hätte Jerome Kerviel Anfang 2008 doch nur seine nicht genehmigten Short-Positionen in den europäischen Aktienmärkten gehalten. Sein Arbeitgeber, Société Générale, hätte einen unverdienten moderaten Gewinn gemacht, ohne eine einzige Schlagzeile darüber, wie schlechte Kontrollen zu einem unverhofften Gewinn geführt hätten.

Es ist nicht so gekommen. Kerviel scheint Anfang Januar von Baisse- auf Hausse-Engagements umgeschwenkt zu sein und hat dabei scheinbar den Einsatz erhöht, während die Märkte gefallen sind. Bis vergangenen Freitag wies die Bank Positionen über rund 40 Mrd. Euro auf - und 1,5 Mrd. Euro davon in den roten Zahlen.

In den Zeiten, als die Bankengeschäfte noch undurchsichtiger waren, hätte SocGen wahrscheinlich nach einem diskreten Ausweg gesucht, mit dem sich ein gewaltiger Portfolio-Verkauf hätte vermeiden lassen. Die Bank wäre zwar auf einigen großen Verlusten sitzen geblieben, die aber wahrscheinlich über mehrere Jahre verteilt und höchstwahrscheinlich niemals offen gelegt worden wären.

Die Vorschriften der Bankenaufsicht machen eine solche Diskretion heutzutage unmöglich. In dieser lärmenden Welt hatte SocGen nur die Wahl, entweder so schnell wie möglich zu verkaufen oder die Bestände in die Bücher zu nehmen und sie nach und nach abzustoßen.

Sie hat sich dazu entschlossen, das ganze Paket abzuwerfen. Dieser dreitägige Vorgang hat sich als kostspielig herausgestellt. Der Verlust hat sich mehr als verdreifacht und betrug am Schluss 4,9 Mrd. Euro.

Das könnte nahe legen, dass die Bank die falsche Wahl getroffen hat, selbst wenn der überstürzte Verkauf nicht für das ganze zusätzliche Leid verantwortlich war. Die Märkte wären sowieso am Boden gewesen. Aber solch eine große, einseitige Order in einem ohnehin schon fallenden Markt hat fast sicher den Trend verstärkt.

Aber der Alternative – zu halten und dann allmählich zu verkaufen – hafteten zwei große Nachteile an. Erstens hätten die Händler dann von dem Überhang gewusst und die Preise gekürzt, wann immer sie gewittert hätten, dass SocGen einen Ausbruchsversuch macht. Zweitens war das betrügerische Portfolio zu groß für das Eigenkapital von SocGen, das am Ende des dritten Quartals bei 31 Mrd. Euro lag. Wenn SocGen an den Positionen festgehalten hätte, wäre die Bank gezwungen gewesen, neues Kapital aufzunehmen, nur um die unerwünschte Wette am Laufen zu halten. Das klingt sogar noch unschöner als das, was dann tatsächlich passiert ist – eine Kapitalerhöhung, um einen realisierten Verlust zu kompensieren.

SocGen war in einem Dilemma. Sie hat die richtige Entscheidung getroffen.

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