Société Générale
Jérôme Kerviel ist kein Super-Bösewicht

Société Générale stellt den Betrüger in ihren Reihen als Super-Bösewicht dar. Tatsächlich hat es allerdings keiner ausgeklügelten Mittel bedurft, um den bisher größten Aktienhandelskandal der Welt durchzuziehen: gestohlene Passwörter und gefälschte E-Mails haben gereicht. Die Darstellung, von einem gewitzten Meisterintriganten ausgetrickst worden zu sein, liegt im Interesse des Instituts.

Société Générale hat Jérôme Kerviel im Licht eines teuflischen Genies dargestellt – wie den bösen Gegenspieler aus einem Comic. Spielt man ein beliebtes angelsächsisches Spiel und stellt die Buchstaben seines Namens ein wenig um, dann erhält man “Me Evil Joker” – den Erzfeind von Batman. Aber das macht aus dem betrügerischen Händler noch lange keinen Super-Bösewicht im Comic-Format.

Die Darstellung, von einem gewitzten Meisterintriganten ausgetrickst worden zu sein, liegt im Interesse der Bank. Dieses Szenario könnte es für jeden ein wenig einfacher machen, die Verluste zu akzeptieren. Es könnte sogar ein bisschen Sympathie für SocGen wecken. Tatsächlich hat es allerdings keiner ausgeklügelten Mittel bedurft, um den bisher größten Aktienhandelskandal der Welt durchzuziehen: gestohlene Passwörter und gefälschte E-Mails haben gereicht – also in etwa die Methoden, die ein Teenager anwenden würde, um sein unerlaubtes Fernbleiben von der Schule zu vertuschen.

Es hätte SocGen auffallen müssen. Laut einem Pariser Strafverfolger hat der riskante Handel möglicherweise bereits 2005 begonnen - zwei Jahre früher als in der Version von SocGen. Zudem hatte die Eurex, die Terminbörse der Deutschen Börse, im vergangenen November die Handelspositionen von Kerviel in Frage gestellt – bevor sich die Lawine seiner Verluste in Gang gesetzt hatte.

Die Bank hat zugegeben, dass sie Probleme auf Kerviels Konten festgestellt hatte. Aber die Verantwortlichen in der Bank haben sich mit den Erklärungen des Händlers abspeisen lassen, es handele sich dabei um ganz alltägliche Fehler. Sie haben ihn nicht dazu gezwungen, sich für einen längeren Zeitraum frei zu nehmen. Wäre er für mehrere Tage hintereinander nicht zur Manipulation seiner Positionen gekommen, wäre der Betrug wahrscheinlich aufgeflogen.

Jean-Pierre Mustier, der Leiter der Investmentbank von SocGen, hat sich den Tonfall von Captain Renault aus dem Film “Casablanca” zugelegt. Wiederholt hatte er am Wochenende geäußert, er sei schockiert, schockiert, einen solchen Betrug vorzufinden. Angesichts dessen, was jetzt ans Tageslicht kommt, ist das ein wenig schwer zu schlucken.

Mustier hatte, ebenso wie Vorstandschef Daniel Bouton, seinen Rücktritt angeboten. Beide Gesuche wurden abgelehnt. Bouton hatte am Montag gesagt, sein Rücktrittsangebot bleibe auf dem Tisch. Der Verwaltungsrat von SocGen sollte sich den Brief noch einmal durchlesen.

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