Stanford Financial
Lektionen in Veruntreuung

Die US-Aufsichtsbehörden haben den angeblichen Betrug der Stanford International Bank Monate lang untersucht. Gehandelt haben sie allerdings erst, als die durch den Madoff-Skandal aufgeschreckten Investoren plötzlich erkannten, dass die "sicheren" zweistelligen Renditen bei Einlagenzertifikaten über acht Mrd. Dollar zu schön waren, um wahr zu sein. Branchenwächter und Anleger hätten die Warnsignale viel früher erkennen müssen.

Der texanische Geschäftsmann Robert Allen Stanford rühmte sich, dass seine Stanford International Bank 15 Jahre lang zweistellige Renditen bei Investitionen mit geringem Risiko hervorgebracht hat. Die Investoren schluckten den Köder und lieferten rund acht Mrd. Dollar bei ihm ab. Doch als ihnen schließlich dämmerte, dass das Vorgehen Stanfords auf unheimliche Weise dem Madoffschen Schneeballsystem ähnelte, wollten sie nur noch raus. Alles nur Betrug, konstatierten jetzt auch die zuständigen US-Ermittler. Die Stanford International Bank hatte in Wirklichkeit nicht in Einlagenzertifikate, sondern in illiquide Immobilien, Finanzbeteiligungen und andere riskante Anlagen investiert, auch in den Fonds von Madoff selbst.

Es ist ein ermutigendes Zeichen, dass die Investoren endlich erkennen, dass das, was sich zu gut anhört, um wahr zu sein, fast immer auch einen Haken hat. Aber der Triumph der Gier über die Umsicht lässt sie, besonders in Boom-Zeiten, oft leichtfertig Warnsignale in den Wind schlagen, die sie sonst zur Umkehr veranlasst hätten. In diesem Fall scheinen die Anleger die Warnschilder gleich en masse ignoriert zu haben: Ein einfaches, augenscheinlich sicheres Investitionsprodukt verspricht Renditen, die zwei und drei Mal so hoch sind wie die, die die Konkurrenten anbieten. Das hätte sie gleich von Anfang an misstrauisch machen müssen.

Die Frage ist: Wo waren die US-Wertpapieraufsicht Securities and Exchange Commission (SEC), das Justizministerium und andere US-Aufsichtsbehörden, deren Aufgabe es ist, die Investoren vor sich selbst zu schützen, in diesen 15 Jahren? Zugegeben, der Sitz der Investmentfirma ist auf Antigua. Aber die Geschäfte wurden von Niederlassungen in den USA aus geführt, die den Aufsichtsbehörden unterstanden.

Noch vernichtender ist, dass die SEC in ihrer Klage gegen Stanford und einige seiner Kollegen, die sie am Dienstag bei einem texanischen Gericht eingereicht hat, vorbringt, dass die Bank diese Rendite-Behauptungen den Investoren unterbreitet und in ihren Marketing-Broschüren ausgeführt hat. Wenn dies und der Rest der Behauptungen sich als wahr erweisen, dann war Stanford nicht nur ein hinterlistiger Gauner, dann war er in höchstem Maße dreist.

Die SEC hat unter ihrer neuen Chefin Mary Schapiro Schritte eingeleitet, um die Abteilung für Strafverfolgung zu stärken. Sie hat jüngst einen angesehen ehemaligen Ankläger bestellt, um sie zu leiten. Und die Gesetzgeber sind fast schon erpicht darauf, mehr Mittel bereit zustellen, so dass Ermittler angeheuert werden können.

Mit etwas Glück wird man sich lange genug an diese Skandale erinnern, so dass der US-Kongress die Aufsichtsbehörden nicht wieder an eine zu kurze Leine legt, wenn die Märkte das nächste Mal nach oben schießen.

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