Stanford/Madoff
Finanzskandale: Wo bleibt das Drama?

Finanzskandale sollten in einem Drama enden: Von Herzen kommende Reue, spektakuläre Prozesse, die den extravaganten Lebensstil der Angeklagten beleuchten und zu schmerzhaft langen Gefängnisstrafen führen. Zwar ist gegen den texanischen Milliardär Allen Stanford Anklage wegen Betrugs erhoben worden, und auch Bernie Madoff sitzt ein. Aber viel mehr ist nicht passiert.
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Die Tragödie solle zur Katharsis führen, forderte Aristoteles. Die Zuschauer sollten durch das Stück so erschüttert werden, dass dies eine Läuterung ihrer Seelen bewirkt. Legt man diesen Maßstab an, dann handelt es sich bei der derzeitigen Finanzkrise eher um eine Lehrstunde in Botanik als um klassisches griechisches Drama.

Seit der Großen Depression wurden, zumindest in Amerika, die Grundprinzipien der aristotelischen Tragödie zuverlässig befolgt: Geboten wurden von Herzen kommende Bekundungen der Reue, spektakuläre Prozesse wurden aufgeführt, in deren Verlauf die absurd extravagante Lebensführung der Beteiligten ans Licht kam und die für die Überführten in schmerzlich langen Gefängnisaufenthalten mündeten.

Als Paradebeispiele der klassischen Tragödie können auch die Skandale um Gier und Betrug bei Unternehmen wie Enron, Tyco und WorldCom zum Ausgang des letzten Jahrhunderts gelten. Und erst am vergangenen Donnerstag wurde der ehemalige Chef von HealthSouth, Richard Scrushy, noch einmal zur Zahlung von 2,9 Mrd. Dollar verdonnert, weil er Jahre lang die Manipulation der Unternehmensergebnisse unterstützt hatte. Er verbüßt zwar bereits eine Gefängnisstrafe von sieben Jahren wegen Bestechung, doch für ihn folgt Strafe auf Strafe.

Bei der größten aller Finanzkrisen allerdings ist bemerkenswert wenig Reue im Spiel, es gibt fast keine Strafanzeigen und die Gefängnisabteilungen für Wirtschaftskriminelle warten immer noch auf Dozenten, die ihren Mitinsassen Vorträge über „Effiziente Märkte für Schwerverbrecher“ halten könnten.

Sicher, die großen Nummern der Wall Street fühlen schon so etwas wie vages Bedauern darüber, nicht mehr getan zu haben, um die Exzesse des Kredit-Gelages zu unterbinden. Lloyd Blankfein, der Boss von Goldman Sachs, schrieb: “Wir bedauern, dass wir uns an der Markteuphorie beteiligt haben”, und räumt ein, dass “gewisse Praktiken ungesund waren“. Doch dabei handelt es sich eher um ein paar beiläufige Bemerkungen in einem Brief, der eigentlich erklären soll, wie Goldman sich von den staatlichen Tarp-Geldern befreit, um wieder einzutauchen in den “Prozess des Wachstums und der Innovation, der das Zentrum der Kapitalmärkte bildet“.

Was Verbrechen und Verbrechensverfolgung angeht, muss man lange suchen, bis man fündig wird. Der texanische Milliardär und Finanzier Allen Stanford, der von der Karibik aus arbeitete, ist jetzt wegen Betrugs angeklagt worden, und der König des Schneeballsystems, Bernard Madoff, sitzt hinter Gittern. Aber beide waren eigentlich nicht direkt an der Schaffung der Kreditblase beteiligt.

Der größte Kriminalfall bisher ist vielleicht die Anklage gegen Bedienstete des US-Bundesstaats New York, die Bestechungsgelder von Private Equity-Fonds entgegen genommen haben sollen. Die Fonds werden sich nicht vor Gericht verantworten müssen. Genau so wenig wie die ehemaligen und jetzigen Milliardäre und Millionäre, die enorm profitierten, während das Finanzsystem auf die Katastrophe zusteuerte.

Vielleicht kommen die Kriminalgeschichten und Dramen ja noch. Doch möglicherweise hat auch das Publikum den Geschmack an dieser besonderen Art der Läuterung verloren. Vielleicht fühlen sich die Zuschauer mitschuldig, schließlich sind viele von ihnen selbst in den Genuss der Immobilien- und Aktienmarktblasen gekommen. Es könnte allerdings auch sein, dass nach so vielen Jahrzehnten der Exzesse die Gier der Reichen einfach niemanden mehr erschüttern kann.

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