Südamerika
Weine nicht, Argentinien!

Die Niederlage von Argentiniens Präsidentin Fernandez de Kirchner bei den Zwischenwahlen könnte sie zu Kompromissen bei ihrem politischen Kurs zwingen. Die raue Wirklichkeit der Ökonomie könnte ein Übriges tun.
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Weine nicht, Argentinien! Zumindest nicht um Cristina Fernández de Kirchner. Die moderate Niederlage der argentinischen Präsidentin bei den Zwischenwahlen könnte Kompromisse bei ihrem politischen Kurs erzwingen. Die raue Wirklichkeit könnte ein Übriges tun: Da der Weizenanbau um 30 Prozent gesunken ist, könnte die Strategie ihrer Regierung, Farmer und Exporteure heftig zu besteuern, letztendlich ausgereizt sein. Aber seit 2003, seitdem sie und ihr Amtsvorgänger und Ehemann Néstor Kirchner an der Spitze des Landes standen, hat Argentinien einen tollen Lauf hingelegt.

Nachdem Argentinien im Dezember 2001 mit dem Schuldendienst in Verzug geraten war, hatten Beobachter und Anhänger der freien Marktwirtschaft damit gerechnet, dass das Land in eine anhaltende wirtschaftliche Misere geraten würde. Stattdessen verzeichnete die argentinische Wirtschaft, seitdem Kirchner 2003 an die Macht gekommen war und unter der Ägide von Fernandez de Kirchner, die ihn 2007 ablöste, ein schnelles Wachstum.

Eine Teiltilgung der enormen Auslandsschulden im Jahr 2005 war hilfreich. Darüber hinaus wurde der Expansionskurs durch hohe Rohstoffpreise, die Unterbewertung der argentinischen Währung und extrem hohe Steuern für die Exporteure besonders in der Landwirtschaft, mit Hilfe derer sich die Regierung finanzieren wollte, gestützt und angetrieben.

Der derzeitige Abschwung scheint Argentinien nicht mit voller Wucht getroffen zu haben. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr um 3,5 Prozent sinken. Nach lateinamerikanischen Maßstäben ist das zwar eine miserable Entwicklung, global gesehen liegt sie aber im Durchschnitt. Die Wähler haben Fernández de Kirchner nur eine moderate Niederlage zugefügt. Zwar hat ihre Partei die Mehrheit im Unterhaus und im Senat verloren, aber sie wurde nicht komplett zunichte gemacht und der Vorsprung der Opposition in der Wählergunst betrug nur zwei Prozent.

Doch blickt man nach vorn, so verdüstern sich die wirtschaftlichen Aussichten. Die Regierung von Fernández de Kirchner musste im vergangenen Jahr einen Rückzieher machen, als sie versuchte, die Exportsteuern noch einmal anzuheben. Aber niedrigere Preise und die bestehenden Steuern haben sich jetzt beim Weizenanbau negativ bemerkbar gemacht. Die Anbaufläche von Weizen ist gegenüber dem Vorjahr um 30 Prozent gesunken und damit auf den niedrigsten Stand seit mehr als hundert Jahren. Sollten gesunkene Ausfuhren zu Zahlungsbilanzschwierigkeiten führen, könnte der geschädigte Ruf Argentiniens bei internationalen Investoren, dem International Währungsfonds und der Weltbank das Land daran hindern, eine weitere Krise zu finanzieren.

Fernández de Kirchner bleibt bis 2011 im Amt. Befürworter der freien Marktwirtschaft und die argentinische Geschäftswelt werden ihre Hoffnungen darauf setzen, dass wirtschaftliche Schwierigkeiten die Wähler des Landes bis dahin dazu bringen werden, die Präsidentin und ihren Ehemann aus dem Amt zu vertreiben. Doch angesichts der politischen Talente des Paars, seiner Entschlossenheit und dem Glück, das den beiden in der Vergangenheit beschieden war, sollten sie sich nicht allzu fest darauf verlassen.

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