Süß und süßer
Billiges Öl ist teuer geworden

Öl der Nordseesorte Brent sollte billiger sein als das US-Konkurrenzprodukt West Texas Intermediate (WTI), denn letzteres kann leichter raffiniert werden. Brent wird derzeit aber für rund drei US-Dollar mehr pro Fass verkauft, das ist der größte Preisabstand in diesem Jahr. Warum das noch einige Zeit so bleiben könnte.
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Rohöl ist nicht gleich Rohöl. Derzeit aber scheint sich das Preisverhältnis der beiden führenden Sorten umzukehren. Schuld daran sind Regulatoren, Verbraucher und Wetterverhältnisse.

Nordseeöl der Sorte Brent ist in Großbritannien preisbestimmend. Normalerweise kostet es einen bis zwei US-Dollar weniger als die US-Sorte West Texas Intermediate. Das ist angemessen, denn WTI wird als leichter und süßer bezeichnet, was in der Ölbranche für eine geringere Dichte und einen niedrigeren Schwefelgehalt steht. Deshalb ist seine Verarbeitung zu Benzin billiger, und Benzin ist der wichtigste Massenmarkt für Rohöl. Am Donnerstag allerdings wurde Brent drei Euro teurer verkauft als WTI, das entspricht einer Preisanomalie von vier bis fünf US-Dollar pro Fass.

Die US-Terminmarktaufsicht Commodity Futures Trading Commission (CFTC) hat viel damit zu tun. Der Preisaufschlag für Brent entwickelte sich ab Ende Juli, als die CFTC über die Einführung neuer Positionsbegrenzungen und die Aufhebung derzeitiger Ausnahmen für Investmentbanken bei den geltenden Positionsbegrenzungen zu diskutieren begann.

Obwohl der britische Finanzregulator Financial Services Authority (FSA) sich Druck aus den USA beugte und die Londoner Energiemärkte unter die Lupe nahm, wird er wohl kaum handeln, denn die Briten haben Angst, Londons Ruf als Finanzzentrum zu beschädigen. Auf steigende Preise hoffende Spekulanten könnten ihre Ölpositionen nach Osten über den Atlantik verschoben und damit den relativen Preis von Brent in die Höhe getrieben haben.

Auch eine ungewöhnlich kleine Anzahl von sommerlichen Wirbelstürmen könnte eine Rolle spielen. Weil es weniger Produktionsunterbrechungen gab, stiegen in den letzten Wochen die Rohöl-Lagerbestände in den USA, was den Preis etwas unter Druck setzte.

Verlagerungen beim Energieverbrauch könnten die Preisbewegung sogar etwas dauerhafter machen. WTI fließt vorwiegend in den US-Markt, dessen wirtschaftlicher Ausblick ungewiss erscheint. Die chinesische Nachfrage dagegen ist klar steigend. Die chinesischen Ölimporte erreichten im Juli die Rekordmarke von 4,6 Millionen Fass pro Tag. Während WTI als Preismaßstab auf amerikanischen Märkten gilt, dient für alle nicht aus den USA stammende Rohölsorten Brent als Preisreferenz.

Was auch immer also bei den Anhörungen der CFTC herauskommt, Brent könnte künftig die meiste Zeit mit einem Aufschlag gegenüber dem leichteren und süßeren US-Rohöl gehandelt werden.

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