Telekommunikation
Seenot im sicheren Hafen

Jeder muss telefonieren, auch in der Krise. Die alte Weisheit, dass Telekomunternehmen Rezessionen tendenziell besser überstehen scheint nicht mehr zu gelten. Die Deutsche Telekom und Teliasonera korrigieren ihre Erwartungen nach unten. Dennoch lässt sich die Theorie mit leichten Abwandlungen halten.
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Aktien europäischer Telekommunikationsanbieter schwächeln. Die althergebrachte Vorstellung, dass das Telefonieren eine Notwendigkeit ist, und die Betreiber deshalb in einer Rezession nicht viel zu leiden haben, ist zwar noch nicht ganz widerlegt. Der Dow Jones European Telecoms-Index hat sich in den vergangenen zwölf Monaten um 29 Prozent zurückgebildet. Das ist immerhin besser als der Rückgang um 40 Prozent, den der breiter gefasste Euro Stoxx-Index verbuchte. Doch es hat genug Enttäuschungen gegeben, um die Theorie des sicheren Hafens anzuzweifeln.

Von der Deutschen Telekom kam eine Gewinnwarnung, Teliasonera nahm ihre Einnahmenprognose zurück. Auch von der britischen BT erwarten Marktbeobachter entsetzliche Ergebnisse. Damit bleiben France Telecom, Telecom Italia, die spanische Telefonica und die britische Vodafone, um das Bild in den kommenden Wochen abzurunden.

Der wirtschaftliche Abschwung vertieft und erweitert ohnehin schon vorhandene strategische Risse. Der Bereich Global Services von BT, der Telekomlösungen für Unternehmen anbietet, dürfte Abschreibungen über eine Mrd. Pfund Sterling verbuchen, weil die Verträge zu billig angesetzt waren. Zudem dürften die Verluste auf den Aktienmärkten das Pensionsdefizit von BT verschärft haben. Der Druck auf den Cash Flow könnte die Firma dazu veranlassen, die Dividende zu kürzen.

Auch die Dividende von Telecom Italia, die bereits beschnitten wurde, sieht immer noch gefährdet aus. Die Italiener versuchen, nicht zum Kerngeschäft zählende Vermögenswerte abzustoßen, um ihren Schuldenberg über 40 Mrd. Euro einzugrenzen, der mehr als dem Dreifachen des künftigen Ergebnisses vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) entspricht und einer der höchsten in diesem Sektor ist, und dabei ein "BBB"-Rating zu behalten.

Auch bei der überraschenden Gewinnwarnung der Deutschen Telekom spielten bereits vorhandene strukturelle Probleme eine Rolle. Das Unternehmen nahm in weniger als acht Wochen die Vorhersage für das Ebitda für 2009 um zwei bis vier Prozent zurück und für den freien Cash Flow um neun Prozent. Die Schwierigkeiten waren nicht auf dem deutschen Kernmarkt aufgetreten, sondern bei weniger breit aufgestellten Mobilbereichen in Großbritannien und den USA. In schweren Zeiten macht sich der Druck seitens größerer Betreiber deutlicher bemerkbar.

Das Geschäft von Teliasonera in den nordischen Ländern, in denen die Firma mehr als drei Viertel ihrer Einnahmen erwirtschaftet, hat bisher noch keine böse Überraschung aufgeboten. Aber ihr Portfolio der aufstrebenden Märkte konzentriert sich auf die baltischen Staaten, Kasachstan, Aserbeidschan und Georgien. Was während des Rohstoffbooms gut war, ist jetzt schlecht fürs Geschäft. Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in Estland und Lettland um zehn Prozent drückt - wenig überraschend - auf die Mobilfunkeinnahmen.

Die Liste der Probleme ist also schon lang genug, um Zweifel über die alte Theorie der Telekomgesellschaften als sichere Häfen aufkommen zu lassen. Doch eine modifizierte Version könnte doch noch zutreffen. Einige der Telekomgiganten Europas könnten in diesem Quartal immer noch gute Ergebnisse vorlegen. France Telecom, Telefonica und Vodafone weisen allesamt ein hohes Cash Flow-Niveau auf, das ihre hohen Dividendenrenditen schützt. Die Analysten gehen davon aus, dass weitere Kostenkürzungen es Vodafone sogar gestatten könnten, die Prognosen anzuheben. Das klingt schon eher nach einem sicheren Telekom-Hafen.

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