Thanksgiving
Banker jammern nicht

In diesem Jahr werden viele Banker und Finanziers an Thanksgiving nicht so recht wissen, wofür sie eigentlich dankbar sein sollen – zumindest nicht im Vergleich zu den vergangenen Jahren. Und doch gibt es reichlich Anlass zur Dankbarkeit – angefangen bei der, abgesehen von den USA, immer noch prosperierenden Welt bis hin zum Wissenszuwachs, den die anhaltende Kreditkrise bietet.

Einige Mitglieder der Finanzwelt haben ein schweres Thanksgiving-Fest vor sich. Die Verluste bei den Großbanken haben Gerüchte über einen massiven Stellenabbau ausgelöst. Dann ist da der Hypotheken-Schlamassel, der sich ständig zu verschlimmern scheint. Der schwache Dollar bedeutet viel größere Ausgaben, falls jemand eine Auslandsreise plant. Und doch - ganz im Sinne des Festes - gibt es immer noch Gründe, dankbar zu sein. Hier sind zehn Punkte, über die es sich bei Truthahn und Kürbis-Pie nachzudenken lohnt:

  1. Die blühende Vergangenheit:

    Die derzeitigen Probleme lösen Jahrzehnte der rentablen Expansion ab. Der Anteil des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP), der auf die finanziellen Aktivitäten entfällt, hat sich seit 1990 von fünf auf acht Prozent erhöht. Volkswirte und Politiker sind nicht glücklich darüber, dass das Verhältnis der Verschuldung zum BIP gestiegen ist. Aber für Finanziers funktioniert dieser Trend bestens.

  2. Die immer noch blühende Gegenwart:

    In fast jeder Hinsicht - wenn auch nicht für die verwöhnten Banker - sind die Zeiten nach wie vor gut. Große Teile der Welt erleben immer noch einen Aufschwung. Die in den ersten neun Monaten des Jahres aufgelaufenen Bonuszahlungen der sieben Spitzen-Investmentbanken in den USA sind gegenüber dem Vorjahreszeitraum um zehn Prozent auf 95 Mrd. Dollar geklettert. Selbst nach umfangreichen Abschreibungen durch

    Citigroup

    und andere legen jüngste Schätzungen nahe, dass die Erfolgsprämien der Wall Street um nicht viel mehr als zehn Prozent unter das Rekordniveau von 2006 fallen werden.

  3. Eine marktorientierte Regierung:

    Die USA werden nicht von einem Antikapitalisten wie dem Venezolaner Hugo Chavez regiert. Und was für die Wall Street noch besser ist: Die US-Notenbank scheint entschlossen zu sein, die Zinsen so niedrig wie möglich zu halten - und spekulative Blasen bei den Preisen von Vermögenswerten erst dann zu bekämpfen, wenn sie geplatzt sind. Bis dahin haben viele Banker und Händler ihr Vermögen schon eingefahren.

  4. Die Politik des nächsten US-Präsidenten:

    Unter den aussichtsreicheren Kandidaten ist keiner, der ein populistisches, gegen die Finanzwelt gerichtetes Programm vertritt. Das könnte der Wall Street dabei helfen, allzu großen Vorwürfen wegen der derzeitigen Immobilienkrise auszuweichen. Eine Rückkehr zu einer rigorosen, die Gewinne beeinträchtigenden Regulierung ist unwahrscheinlich.

  5. Das Rechtssystem:

    Es könnte genug populistische Gegenreaktionen, und genug Gesetzesübertretungen, geben, damit sich einige Mitglieder der Finanzwelt Sorgen um mögliche rechtliche Probleme machen müssen. Aber in einem Land, das den Angeklagten den besten Beistand bietet, den man für Geld kaufen kann, werden nur wenige Schurken tatsächlich hinter Gittern landen. In China kann man für finanzielle Missetaten exekutiert werden.

  6. Der Zustand der ethischen Unternehmensführung:

    Für Erfolge wird man reichlich entlohnt. Und an der Spitze eines Unternehmens wird man auch bei Komplettversagen noch großzügig bedacht. Als die Pilgerväter 1621 ihr erstes Thanksgiving feierten, waren sie froh, dass sie genug Vorräte für den Winter hatten. Das Abschiedspaket über 160 Mill. Dollar, das

    Merrill Lynch

    Stan O?Neal mitgegeben hat, wird ihn, bei einfacher Kost, sicher über die nächsten 30 000 Jahre bringen.

  7. Der Einfluss des Dollar:

    Sicher, der Greenback verliert an Wert und Prestige. Aber dank einer globalen Vormachtstellung, die mehr als ein halbes Jahrhundert gedauert hat, ist die gesamte Nettoauslandsverschuldung der USA über acht Bill. Dollar in Dollar denominiert. Wenn sie auf Euro oder Renminbi lauten würde, wäre jetzt ein Zahlungsausfall das große Thema und nicht der teurer gewordene Urlaub in Europa.

  8. Die Wirtschaftspolitik Chinas:

    Keiner weiß so recht, warum die Volksrepublik bereit gewesen ist, billige Verbrauchsgüter gegen ungeheure Mengen von auf Dollar lautenden Schuldtiteln einzutauschen. Aber ohne diese Bereitschaft ginge es den amerikanischen Konsumenten jetzt schlechter.

  9. Fehler der Vergangenheit:

    Not leidende Kredite mögen die Aktionäre auf die Knie zwingen und den Anleiheinhabern Ohrensausen verursachen, aber Amerikaner schauen nun mal nach vorn. In den kommenden verregneten Tagen wird es für Umstrukturierungsexperten jede Menge lukrative Geschäfte geben.

  10. Die Erfahrung:

    Für Widrigkeiten dankbar zu sein, ist sicher ganz im Sinne der Pilgerväter. Wie Robert Cushman es in einer Predigt aus dem Jahr 1621 im neu gegründeten Plymouth ausgedrückt hat, sollten die Pilger Menschen sein, "die sich ruhig mit den Mühen und Schwierigkeiten abfinden, die in der Vorsehung Gottes auf sie niederkommen sollen". Das lässt sich an der Wall Street selbst an Thanksgiving wohl nur schwer verkaufen. Aber vielleicht bietet es inmitten der Turbulenzen des Jahres 2007 mehr Trost als in einigen der besseren Jahre.

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