TNK-BP
Ein guter Freund

Altbundeskanzler Gerhard Schröder zieht als angeblich unabhängiges Verwaltungsratsmitglied in den Aufsichtsrat des gespaltenen britisch-russischen Erdölunternehmens TNK-BP ein. Aber seine Verbindung zum russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin und sein Amt als Vorsitzender der von Gazprom unterstützten Ostseepipeline lassen befürchten, das Russland dort das Sagen haben wird.

Als BP und eine Gruppe russischer Oligarchen ihren erbitterten Streit um die Kontrolle über ihr gemeinschaftliches Erdölunternehmen TNK-BP beigelegt hatten, feierten einige Beobachter dies als ein Beispiel dafür, welche Resultate durch vernünftige Kompromisse erzielt werden können. Die im September getroffene Übereinkunft sah vor, den Verwaltungsrat des Unternehmens nicht mehr paritätisch mit Vertretern der britischen Erdölgesellschaft und ihren russischen Partnern zu besetzen, sondern ihn stattdessen durch eine Handvoll externer Verwaltungsräte zu erweitern.

BP und die Russen sollten jeweils vier Gremiumsmitglieder bestimmen, wobei von beiden Seiten gemeinsam drei zusätzliche unabhängige Verwaltungsratsangehörige bestellt wurden. Zwei von ihnen sind den jeweiligen Lagern eindeutig zuzuordnen: Jim Leng, der in dieser Woche ernannte Verwaltungsratspräsident von Rio Tinto mit langjähriger Erfahrung in verschiedenen britischen Boards, und Alexander Schochin, der jetzt den russischen Unternehmerverband leitet und unter Boris Jelzin ein liberales Kabinettmitglied war.

Aber das dritte „unabhängige“ Verwaltungsratmitglied, der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, könnte bei den Investoren die nervöse Frage auslösen, wer bei TNK-BP wirklich das Sagen haben wird.

Schröders pro-russische Politik und seine enge persönliche Verbindung zum damaligen Präsidenten und jetzigen Ministerpräsidenten Russlands, Wladimir Putin, hatten schon manche hitzige politische Debatte ausgelöst, als er noch im Amt war. Seine Ernennung zum Vorsitzenden von Nord Stream kurz nach seiner Amtsniederlegung – und nur Wochen, nachdem er eine Pipeline abgesegnet hatte, die Gazprom unter der Ostsee verlegen will, um Erdgas nach Deutschland zu exportieren – hatte in Europa verständlicherweise vielerorts für Stirnrunzeln gesorgt.

Jetzt stellt sich die Frage, ob er größtenteils die Forderungen der Oligarchen durch Zugeständnisse beschwichtigen wird, oder ob seine unbestreitbare Kenntnis der Funktionsweise der russischen Machtmaschinerie die britische Seite tatsächlich mit wertvollen Einblicken versorgen könnte.

Der Friedensschluss vom September hatte ohnehin bereits den Oligarchen in die Hände gespielt, denn bald schon sollte ein Russe zum Chef bestellt werden. BP könnte also bereits de facto der schwächere Partner des Joint Ventures sein. Allerdings ist TNK-BP nicht mehr das Sahnestückchen, das es früher einmal war. Wie alle bedeutenden russischen Erdölgesellschaften wurde auch das Gemeinschaftsunternehmen vom freien Fall der Rohölpreise schwer in Mitleidenschaft gezogen, sein Wert hat sich im vergangenen Jahr um 70 Prozent verringert.

Und der vielleicht einzige Bonus, der sich aus der Einigung für BP ergeben könnte, besteht darin, dass die Anschuldigungen der Spionage, der Steuerhinterziehung und der arbeitsrechtlichen Verstöße, denen sich das britische Unternehmen in der Hitze des Gefechts ausgesetzt sah, möglicherweise verstummen.

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