Tobin-Quotient
Ein Quäntchen zu früh zum Aktienkauf

Nur eingefleischte Vertreter der Bärenfraktion hatten früher die Ansicht vertreten, Aktien sollten zu inflationsbereinigtem Buchwert verkauft werden – entsprechend dem „Tobinschen Quotienten“ bei etwa 910 Punkten des S&P 500-Index. Nachdem der Index dieses Niveau aber unterschritten hat, sieht Andrew Smithers, der den Quotienten populär gemacht hat, wie ein Hellseher aus.

Wie viel sollten Sie zahlen, um eine Fabrik zu kaufen? Im Durchschnitt ungefähr so viel, wie es (inflationsbereinigt) ungefähr gekostet hat, sie zu bauen. Und für ein Unternehmen? Für einen Aktienmarkt? Grob gesagt, ungefähr so viel, wie es (inflationsbereinigt) gekostet hat, sie aufzubauen. Zu diesem Schluss zumindest kommt eine Kennzahl für den Marktwert, die "Tobin-Quotient" genannt wird. Eigentlich waren immer nur eingefleischte Vertreter der Bärenfraktion der Auffassung, dass Aktien auf diesem Niveau gehandelt werden sollten. Aber die Q-Linie ist gefallen. Der amerikanische Aktienmarkt ist jetzt für weniger zu haben, als es gekostet hat, ihn hochzuziehen.

Das Verhältnis des Preises eines Vermögenswerts zu seinem inflationsbereinigten Buchwert hatte sich der Ökonom James Tobin ausgedacht und "Q" getauft. Die historischen Q-Werte für den S&P 500-Index hat der Kommentator Andrew Smithers berechnet.

Smithers? Variante des Tobinschen Quotienten ist in vieler Hinsicht unvollkommen - sie enthält keine Finanztitel, sie berücksichtigt nichts Immaterielles wie den Wert einer Marke, sie ist nur auf Grundlage inländischer Vermögenswerte berechnet und die Inflationsbereinigung ist grobmaschig. Aber besser geht es vielleicht nicht, wenn man den angemessenen Marktwert einschätzen will.

Der letzte Q-Wert von Smithers für den S&P 500-Index - berechnet auf Basis landesweiter US-Daten per Ende des zweiten Quartals 2008 - liegt bei 910. Noch vor ein paar Wochen wäre ein solches Niveau als unrealistisch niedrig abgetan worden. Aber während der Sitzung am Donnerstag ist der Index sogar auf 870 Punkte gesunken. Unglücklicherweise liegen nicht genug Daten vor, um das Q anderer Märkte auszuloten.

Wenn sich mit Hilfe des Tobinschen Modells verlässliche Aussagen für die Aktienkurse treffen ließen, wäre es an der Zeit, über Anschaffungen nachzudenken, oder zumindest, um sich Sorgen über die dem Q anhaftenden Mängel zu machen. Zwar hat der amerikanische Aktienmarkt sich im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts durchaus um das Q gedreht, doch sein Kreisen war recht weit gefasst. Auf dem Höhepunkt des Markts im Jahr 2000 lag er um 125 Prozent über dem Q. In den sechs Marktflauten seit 1920 lag der durchschnittliche Abschlag zum Q bei 52 Prozent. Q steht nicht für Quacksalberei, aber auch nicht für qualfrei schnelles Geldverdienen auf dem Markt. Und auf die große Quizfrage: Ist es denn jetzt an der Zeit zu kaufen? - lautet die qualifizierte Antwort: Das wäre ein Quäntchen zu früh.

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