Türkei
Türkei: Ohne Hilfe durch die Krise

Viele Investoren reagierten entsetzt, als sich die Türkei vor sechs Monaten aus den Verhandlungen mit dem IWF zurückzog. Doch das Land hat eine wirtschaftliche Katastrophe auch ohne die Hilfe des Fonds abgewendet. Auf absehbare Zeit wird die türkische Wirtschaft anfällig bleiben.
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Die Türkei hat eine scheinbare Niederlage in einen vorläufigen Sieg verwandelt. Anfang des Jahres hatten Versuche der türkischen Verhandlungsführer, mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zu feilschen, dazu geführt, dass das Land mitten in der globalen Krise ohne einen Stützungsplan zurückblieb. Doch die Türkei hat die wirtschaftliche Katastrophe aus eigener Kraft umschifft und so die Zwänge vermieden, die den vom IWF geschnürten Rettungspaketen anhaften. Allerdings ist die Wirtschaft des Landes immer noch fragil.

Als sich die Türkei im Februar aus den Unterredungen mit dem IWF zurückzog, warnten Volkswirte, die Regierung laufe Gefahr, alles zu verlieren, indem sie ihre Glaubwürdigkeit bei den Investoren aufs Spiel setze. Darüber hinaus lasse das Land seine beste Chance seit Jahren ungenutzt verstreichen, die hartnäckig hohe Inflation und die sich immer weiter nach oben schraubenden Mittelaufnahmekosten der Regierung zu dämpfen.

Schiefer hätten die Experten kaum liegen können. Seitdem die Verhandlungen ausgesetzt wurden, hat sich die Börse in Istanbul um 79 Prozent verbessert. Die Renditen türkischer Staatsanleihen sind auf historische Rekordtiefststände gesunken und die Inflationsrate von 5,4 Prozent liegt unter dem Ziel, das die Zentralbank zum Jahresende erreichen will. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im laufenden Jahr um zwei Prozent stiegen. Dass die Landeswährung massiv unter Druck gerät, ist nunmehr unwahrscheinlich geworden.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte immer wieder darauf gepocht, dass die Türkei es ohne die Unterstützung des IWF schaffen wird. Er könnte jetzt versucht sein, sich mit einem "Ich habe es euch doch gleich gesagt" zurückzulehnen. Doch er sollte es sich genau überlegen, bevor er sich allzu sehr brüstet.

Der Erfolg der Türkei hängt hauptsächlich von Faktoren ab, die außerhalb der Kontrolle der Regierung liegen. Die Aktienkurse und Bond-Renditen profitierten von der globalen Aufwärtsbewegung riskanter Vermögenswerte. Und dass sich die Inflationsrate fast halbiert hat, ist weitgehend dem Rückgang der Rohölpreise und der Abschwächung der in- und ausländischen Nachfrage geschuldet.

Das Land hat zwar ein Desaster abgewendet, aber die wirtschaftlichen Bedingungen zeigen sich dennoch nach wie vor äußerst schwierig. Die Industrieproduktion ist im Juni im elften Monat in Folge geschrumpft. Die Arbeitslosenquote liegt bei 15 Prozent mit steigender Tendenz.

Die türkische Zentralbank hat signalisiert, dass maßvolle Kürzungen des Leitzinses, der ohnehin schon um neun Prozentpunkte auf das Rekordtief von 7,75 Prozent zurückgenommen wurde, fortgesetzt werden, solange sich noch keine eindeutige Erholung der Wirtschaft abzeichnet. Aber eine Verschlechterung der öffentlichen Finanzen - das Defizit wird in diesem Jahr voraussichtlich fünf Prozent des BIP erreichen - wird den Zinsspielraum nach unten begrenzen. Die Verantwortlichen sollten vorsichtig vorgehen - mit oder ohne IWF-Kredit.

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