Twitter
Gezwitscher aus Teheran

Medien auf der ganzen Welt ergänzen ihre Berichterstattung über die Unruhen in Iran mit Einträgen der Online-Kommunikationssite Twitter. Der Dienst erhält dadurch größere Glaubwürdigkeit. Doch Twitter hat immer noch nicht bewiesen, ob die Website ihren Popularitätsschub nutzen kann, um Geld zu verdienen.
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Die Kommunikationswebsite Twitter beweist gerade, dass ihr Dienst mehr ist als nur ein Werkzeug zum Austausch von Belanglosigkeiten zwischen Heranwachsenden im Internet. Medien rund um die Welt nutzen so genannte Tweets - Einträge, die über den Dienst verbreitet werden - aus Teheran, um ihre eigene von den Behörden eingeschränkte Berichterstattung über die Unruhen zu ergänzen, die nach der umstrittenen Präsidentenwahl im Iran ausgebrochen sind. Dadurch ist die Website, die keinerlei Einnahmen aufzuweisen hat, zu größerer Glaubwürdigkeit gelangt. Aber Twitter hat immer noch nicht bewiesen, ob der Dienst seine Popularität dazu nutzen kann, Geld zu verdienen.

Twitter-Nachrichten werden über Computer und Mobiltelefone versandt und können sofort empfangen werden. Die Site zählt rund zehn Millionen Mitglieder, sie reichen von Berühmtheiten wie Britney Spears bis zu Unternehmen wie der "New York Times".

Die Präsidentenwahl in Iran hat sich als Segen für die Firma erwiesen. Globale Medienunternehmen, darunter die BBC und CNN, verbreiten Tweets über die Proteste, da sie selbst durch die iranischen Behörden in der Berichterstattung behindert werden. Tatsächlich hat sich Twitter als derart nützliche Informationsquelle erwiesen, dass die US-Regierung den Dienst gebeten hat, geplante Wartungsarbeiten auf der Site aufzuschieben, so dass er online bleiben kann.

Bis jetzt war Twitter im Wesentlichen eine Plattform für PR-Gags und ein Forum für Teenager zum Abgleich ihrer pubertären Ängste. Deshalb war das finanzielle Interesse, das dem Start-Up entgegen gebracht wurde, verblüffend. Erst jüngst machten Gerüchte die Runde, denen zufolge Google sich die Firma für mehr als 250 Mill. Dollar unter den Nagel reißen wolle. Die Entdeckung, dass man den Dienst als Werkzeug für die Berichterstattung in Echtzeit einsetzen kann, zeigt, dass er durchaus auch nützlich sein könnte. Dies würde eine Akquisition durch ein Medienunternehmen oder einen Internetgiganten wie Google, der auf diesem Gebiet Ehrgeiz an den Tag legt, berechtigter erscheinen lassen.

Allerdings bedeutet dies nicht, dass Twitter zwangsläufig einen Weg findet, um Geld zu machen. Die Glaubwürdigkeit und Ausgewogenheit der Nachrichten, die die Site verbreitet, sind zudem zweifelhaft.

Die meisten Iraner, die Tweets absetzen, dürften jung, gebildet und einigermaßen begütert sein. Die Berichte dürften also nicht unvoreingenommen sein. Und schon wird gemunkelt - natürlich auf Twitter -, dass die iranische Regierung falsche Twitter-Konten einrichtet, um Propaganda zu verbreiten.

Außerdem handelt es sich in Iran um eine Ausnahmesituation, da dort nur wenige Auslandsjournalisten vor Ort sind. Für Berichte vom Parkett der New Yorker Börse etwa wäre Twitter wohl kaum von Nutzen. Twitter mag zwar im Moment als Internet-Firma in aller Munde sein. Aber die Website muss noch einen langen Weg zurücklegen, bevor sie bewiesen hat, dass sie es wert ist, der Gegenstand dieser verbalen Aufregung zu sein.

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