Überstimulation
Staaten drohen Märkte zu ertränken

Was treibt die Aktienkurse nach oben und die Risikoaufschläge nach unten? Einerseits sicherlich das wiederkehrende Anlegervertrauen. Die von Regierungen ausgeschütteten Finanzspritzen allerdings dürften der stärkere Faktor sein. Dieser Geldfluss dürfte jedoch in der Realwirtschaft nicht so problemos funktionieren wie an den Finanzmärkten.
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Die Märkte reflektieren die besten Schätzungen langfristiger Werte durch die Anleger und ihre kurzfristige Kassenlage. Derzeit scheint letzteres wichtiger zu sein als ersteres.

Aktien-, Anleihen- und Rohstoffmärkte fielen so tief, dass der jüngste Aufschwung eher ein "sich weniger schlecht fühlen" widerspiegelt als ein "sich gut fühlen". Dennoch ist er dramatisch. Der S&P-500-Index stieg seit dem 6. März um 27 Prozent, und der europäische iTraxx-Index für die Renditeabstände hochklassiger Anleihen zeigte eine Einengung um 24 auf 258 Basispunkte. Der Ölpreis stieg um 47 Prozent.

Es gab einige gute Nachrichten. Die chinesischen Exporte stiegen im März um 7,5 Prozent, die Verkäufe bestehender Häuser in den USA legten im Februar gegenüber dem Vormonat um 4,4 Prozent zu, und die Vorstände großer Banken verströmten viel Optimismus hinsichtlich ihrer Gewinne. Belegt wurde dies teilweise durch das starke erste Quartal der US-Investmentbank Goldman Sachs.

Das ist allerdings nicht viel, um eine nachhaltige Marktrally zu rechtfertigen. Die Börsenbullen gehen davon aus, dass sich die Wirtschaft stabilisiert, Banken wieder Geld verleihen und höhere Preise das Vertrauen nähren. Die Märkte schauen nach vorne.

Dieses Ansicht beruht auf wenigen zarten Trieben der Erholung. Wesentlich bessere Gründe liefert die alternative Erklärung, dass die Marktrally von einer Geldschwemme bei den Anleger getrieben wird. Die US-Notenbank Federal Reserve dehnte ihre Bilanz von sieben auf 29 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Das entspricht einem riesigen Geldtransfer in das Bankensystem. Dies sollte die Kreditvergabe unterstützen, doch die Spekulation könnte als erstes profitieren.

Das US-Staatsdefizit, also die Differenz zwischen der in die Wirtschaft gepumpten Geldmenge und den eingenommenen Mitteln, lag für die letzten sechs Monate bei 957 Milliarden US-Dollar im Vergleich zu 313 Milliarden im Vorjahr. Wenn man dazu die Fast-Nullzinspolitik im größten Teil der Welt berücksichtigt, dann gibt es mehr als genug neues, billiges und freies Geld, dass die Preise von Vermögenswerten in die Höhe treiben kann.

Anleger scheinen zu vergessen, dass in Massen gedrucktes Geld zu Inflation führen kann. Sie scheinen zudem nicht genug Aufmerksamkeit der Arbeitslosigkeit und anderen Zeichen schlechter Wirtschaftsbedingungen zu schenken. Der vorherrschende Trend in der Realwirtschaft bleibt nach unten gerichtet. In der realen Welt gibt es komplizierte Ungleichgewichte, die man mit Bargeld nicht unbedingt beheben kann.

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