Unternehmensanleihen
Positive Krisenlektion

Europäische Unternehmen haben Anleihe-Emissionen in Rekordhöhe vorgenommen, nachdem die Banken als Kreditgeber wegen der Krise teilweise ausgefallen sind. Auch wenn nicht alle Anleihen für Investoren interessant waren, ist die Verlagerung bei der Finanzierung ist einer der positiven Aspekte der Krise.
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Nicht alles, was in dieser Krise mit Schuldtiteln zusammenhängt, ist gleich katastrophal. Unternehmen in Europa haben auf ihrer Suche nach Krediten eine Vorliebe für die Bondmärkte entdeckt. Dem Kollaps der Bankkredite folgte die Emission von Unternehmensanleihen in Rekordhöhe. Wenn diese Verlagerung bei der Finanzierung anhält, wäre sie eine der begrüßenswerten Folgen des ganzen Schlamassels.

In den ersten sechs Monaten des Jahres erzielten die Emissionen europäischer Unternehmen einen Umfang von 344 Mrd. Dollar. Das ist bereits jetzt um ein Drittel mehr, als im gesamten vergangenen Jahr emittiert wurde, berichtet Thomson Reuters. Der Betrag liegt zudem bisher um 70 Prozent über dem Volumen an Firmenkrediten. Dies stellt eine bedeutende Wende in der Zusammensetzung der Mittelaufnahme europäischer Firmen dar, die an der Idee, Bankgeschäfte im Rahmen enger Bindungen einzugehen, länger als ihre amerikanischen Gegenspieler festgehalten haben. Im Jahr 2007 summierten sich Unternehmenskredite auf 1,4 Bill. Dollar und betrugen damit noch das Sechsfache der Bond-Emissionen in Europa.

Ein Bruchteil des Rückgangs beim Kreditvolumen kann auf die verringerte Nachfrage zurückgeführt werden. Die Unternehmen haben einfach weniger investiert und gekauft, um sich gegen den Abschwung zu wappnen. Doch zu einem größeren Teil ist die Verringerung auf den schnellen und weit verbreiteten Abbau des Fremdmitteleinsatzes der Banken zurückzuführen, der die Kreditpreise nach oben gedrückt und in einigen Fällen fast zur Geschäftsaufgabe geführt hat.

Während die Banken zögerten, Kredite zu gewähren, waren die Investoren umso bereitwilliger. Die Spreads von Unternehmensanleihen waren im Vergleich zu Staatsanleihen mit niedriger Rendite attraktiv. Aktien erschienen noch vor ein paar Monaten vielen Anlegern als zu riskant, auch wenn sie im zweiten Quartal zulegen konnten. Selbst Investoren aus dem Privatkundenbereich haben sich auf Unternehmensanleihen gestürzt.

Die Liquidität auf den Bondmärkten ist kein Allheilmittel, weder jetzt noch in Zukunft. Zu ihnen finden nur Großunternehmen Zugang. Darüber hinaus unterscheiden die Investoren jetzt stärker, welche Papiere sie kaufen. Da sich die Spreads abschwächen und die Aktienmärkte wieder im Kommen sind, könnte sich der Reiz der Anleihen verflüchtigen. Es besteht die Gefahr, dass die Flut, die herangebraust kam, wieder abfließen könnte.

Europäische Unternehmen werden sich überdies unweigerlich wieder ihren vertrauten Kreditgebern zuwenden - wenn man ihnen wieder vertrauen kann. Aber da sie jetzt stärker in den Genuss der Flexibilität gekommen sind, die die Anleihemärkte ihnen bieten, sind sie dafür gerüstet, in Zukunft einen robusteren Liquiditätsmix anzuzapfen. Dafür können sie sich bei der Krise bedanken.

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